Nachdem wir am Nachmittag des 24.06.2026 Helgoland verlassen haben laufen wir unter Motor nach Süden. Es weht kein Lüftchen und es ist heiß. Alle gemeinsam sitzen wir auf dem Vorschiff und beobachten Quallen. Zu den allgegenwärtigen Ohrenquallen sind Feuerquallen gekommen und noch andere, die wir nicht kennen.


Wir halten Wangerooge an, direkt auf die westfriesische Insel Terschelling können wir nicht ablegen da uns ein großes Verkehrstrennungsgebiet den Weg versperrt. Hier sind die wirklich großen Ozeanriesen unterwegs, denen möchten wir hier draußen lieber nicht zu nah kommen. Ausserdem gelten für das Queren und Befahren eines solchen Gebietes Vorschriften die ein kleines Segelboot zu weiten Umwegen zwingen können, und da wir einen Wetterwechsel in den nächsten anderthalb Tagen erwarten wollen wir dicht bei der Küste unseren Weg nach Westen fortsetzten.

Zuerst zeigt sie die Nordsee sehr zahm. Helgoland verschwindet nur langsam in unserem Kielwassser. Am frühen Abend zeigt sich endlich ein leichtes kräuseln auf dem Wasser. Begeistert setzen wir Segel – Großsegel, Genua und zusätzlich noch die Kutterfock am zweiten Stag – und schalten den Motor aus. Im Westen versinkt die Sonne im Meer. Gemächlich segeln wir in die Nacht. Heute übernehme ich die erste Nachtwache, ich sitze im Cockpit, lese, schreibe unser Logbuch und schaue alle paar Minuten nach ob alles passt – unser Kurs, die Segelstellung, das Wetter und ob Schiffe in der Nähe sind denen ich vielleicht ausweichen muss. Die Nordsee ist ein vielbefahrenes Seegebiet und es ist wichtig immer aufmerksam zu bleiben. Deshalb ist während der Nachtwachen – wir probieren gerade einen Rythmus von drei Stunden einzuhalten – unsere Eieruhr ein wichtiger Ausrüstungsgegenstand. Alle 15 Minuten erinnert sie uns daran alles Wichtige zu überprüfen.

Gegen Mitternacht irritiert mich das Geräusch schlagender Segel. Der Kurs passt, aber der Wind hat gedreht. Ich nehme die Genua etwas dichter und gehe aufs Vorschiff um die Kutterfock zu bergen. Das geht leicht, es ist ein relativ kleines Segel. Als ich es bereits an Deck habe erscheint Thomas auf der Bildfläche und gemeinsam stopfen wir das Segel einfach durchs Luk. Ich habe genau zum richtigen Zeitpunkt reagiert, denn der Wind frischt zusehends auf. Mitterweile weht eine schöne Brise von ca 15 kn. Wir kommen jetzt gut voran. Ich verkrieche mich ins Bett.
Im Lauf der Nacht wird der Wind stärker, und in den Morgenstunden liegt dichter Nebel über der See. Das ist sehr unangenehm, weil man eben alles erst sehr spät sieht. Wir passieren eine Bohrinsel von der wir nur die Beine sehen und ein anderes Schiff kommt uns ziemlich nahe ohne dass wir es überhaupt sehen – lediglich sein AIS-Signal taucht auf unserem Plotter auf, erst neben uns und dann hinter uns.
Es wird ein sehr anstrengender Segeltag. Der Wind nimmt zu bis auf 6 Bft, noch dazu weht er aus Nordost – nicht schlecht, da wir nach Westen segeln, aber wir sind zu schnell. Um zwischen den Inseln Vlieland und Terschelling passieren zu können muss die Tide passen. Gegen ablaufendes Wasser kommen wir nicht an, der Ebbstrom ist einfach zu stark. Also nehmen wir Geschwindigkeit raus indem wir das Großsegel bergen. Dadurch sind wir zwar langsamer, werden aber von den von achtern anrollenden Wellen, die mittlerweile auch 2 Meter Höhe erreichen, ordentlich hin und her geworfen. Unser Kind hat Spaß und bejubelt AURYNs Schaukelei, ich habe aufgegeben alles immer wieder aufzuheben was im Schiff durch die Gegend fliegt. Aufräumen muss warten.
Um 23 Uhr sind wir trotzdem zu zeitig an der Einfahrt, das Wasser läuft immer noch ab. Wir lassen uns noch eine Stunde durchschütteln und im zweiten Anlauf schaffen wir es durch das Fahrwasser, dessen Tonnen erfreulicherweise beleuchtet sind, den Ankerplatz hinter Vlieland zu erreichen. Nachts in einen uns unbekanten Hafen zu fahren haben wir uns erspart.
Am nächsten Tag nach dem Ausschlafen laufen wir den Hafen von West-Terschelling an. Schon in der Hafeneinfahrt kommt uns der Hafenmeister per Boot entgegen und sagt mir wo und wie ich anlegen kann. Unser Revierführer hat uns gewarnt das der Hafen „crowded in season“ sei, und er hat Recht. Es ist voll und damit unglaublich eng und noch dazu tummeln sich im Wasser unzählige Menschen mit Poolnudeln, SUP-Boards und Luftmatratzen. Es wird wieder im Päckchen gelegen, vorsichtig und langsam manövriere ich AURYN an unsere neuen Nachbarn heran die unsere Leinen entgegennehmen.
Den restlichen Tag verbringen wir damit uns den charmanten Ortskern anzuschauen. Wir kaufen ein bisschen ein, am Abend gibt es an Bord selbstgemachte Burger.





Terschellings wohl berühmtester Sohn ist Willem Barents, Seefahrer und Entdecker des ausgehenden 16. Jahrhunderts. Nach ihm sind zum Beispiel die Barentsinsel und die Barentssee benannt.

Am folgenden Vormittag wandern wir ins Watt. Es ist wirklich faszinierend auf dem trockenliegenden Meeresboden unterwegs zu sein. Das Vorankommen in Schuhen ist beschwerlich, barfuss geht es viel besser und fühlt sich auch besser an. Es gibt viel zu entdecken – wir beobachten Wattwürmer, Schnecken, Krabben und unzählige Muscheln. Austernfischer und Lachmöwen sind unterwegs. Wir graben Löcher, bauen Kleckerburgen, sammeln Muscheln und werden erst durch fernes Donnergrollen wieder aufmerksam – eigentlich wollten wir am frühen Nachmittag ablegen aber da nun Gewitter heranziehen ändern wir unseren Plan. Wir werden bis morgen bleiben. Am Abend bummeln wir noch einmal durch den Ort. Die Brandaris, der älteste Leuchtturm der Niederlanden, erbaut 1594, steht mitten im Ort und ist mitt 55 Metern Höhe weithin sichtbar und noch immer ein wichtiges Seezeichen.







Am nächsten Vormittag machen wir noch eine Wanderung durch die weitläufigen Dünen und Salzwiesen. Die Natur ist hier auf kleinem Raum unglaublich vielfältig.


Eine Stunde vor Niedrigwasser legen wir ab. Mit Strom und Wind geht es flott bis Harlingen, das letzte Stück bis Kornwerderzand müssen wir motoren. Die Anlage trennt das strömungsreiche Salzwasserrevier der westfriesischen Inseln von der tidenfreien Süßwasserzone seit der Fertigstellung des Deiches 1932. Wir kommen an und werden promt geschleust obwohl es schon spät am Abend ist. Direkt hinter der Schleuse ankern wir für die Nacht. Wir sind nun im Ijsselmeer.
Am nächsten morgen geht es in die mittelalterliche Seehandelsstadt Workum – hier wollen wir einen Freund treffen. Schon die Einfahrt duch eine Schleuse und den malerischen Ort ist toll. Überall reichen die Vorgärten bis ans Wasser. Wir passieren mehrere Brücken, der Autoverkehr wird für uns angehalten und die Brücken öffnen sobald wir in Sicht kommen. Wir haben einen ganz tollen Abend mit lieben Menschen und tollen Gesprächen hier im Herzen Frieslands.





Am nächsten Tag gehts weiter bis zur Schleuse Enkhuizen, auch hier werden wir am späten Abend sofort geschleust und bedanken uns dafür per Funk beim Schleusenpersonal. Nun sind wir im Markermeer. Ein paar Seemeilen weiter finden wir einen Ankerplatz für die Nacht. Der Sonnenuntergang ist spektakulär.



Von hier gehts unter Großsegel und Gennaker Richtung Amsterdam. Eine Brückendurchfahrt und eine Schleuse später – unkompliziert und schnell wie hier in den Niederlanden offenbar üblich – befinden wir uns mitten in der Hauptstadt. Wir machen in Sixhaven fest, direkt gegenüber des Hauptbahnhofes. Minütlich legen hier Fähren ab die uns über das IJ in die Altstadt Amsterdams bringen. Sie gehören zum öffentlichen Nahverkehr, kosten nichts und befördern Fußgänger und Radfahrer.





Wir bummeln durch die Gassen, an den Grachten entlang und natürlich auch durch das Rotlichtviertel De Wallen.










Besonders faszinierend finde ich die historischen Gebäude an den Grachten. Weil früher nach der Breite der Hausfassaden Steuern erhoben wurden, baute man die Häuser extrem schmal und hoch. Da die Stadt auf weichem Sumpf – und Torfboden erbaut wurde, ruhen diese Gebäude auf Millionen von Holzpfählen, die im Laufe der Jahrhunderte verrottet sind. Dadurch und durch Schwankungen des Wasserstandes stehen die Häuser heute zum Teil beängstigend schief. Sie werden auch „Die tanzenden Häuser Amsterdams“ genannt.

Der Dam ist der zentrale Platz und das historische Herz Amsterdams. Hier stehen die gotische Nieuwe Kirk, der königliche Palast und das Nationaldenkmal.




Aber Amsterdam ist auch beeindruckend modern, eine Stadt voller überraschender Gegensätze.


Am späten Nachmittag des zweiten Tages in Amsterdam legen wir ab. Eine Wetterlage mit nördlichen Winden erlaubt es uns, unsere Reise fortzusetzen. Kaum haben wir Amsterdam hinter uns gelassen, kommt eine Speedboat der niederländischen Wasserschutzpolizei mit Blaulicht an backbord längsseits. Ein freundlicher Beamter steigt über, fragt uns nach dem Woher und Wohin, möchte unsere Pässe sehen und bleibt für ein sehr nettes kurzes Gespräch in unserem Cockpit sitzen bevor er sich wieder verabschiedet. Auch wir verabschieden uns von den Niederlanden. Uns hat es sehr gefallen – eine symphatische und gastfreundliche Seefahrernation. Wir kommen bestimmt wieder!