Die Bestie von Nazare

Die Zeit in Leixoes nutzen wir und bringen endlich mal das Netz am Seezaun an, genauso wie den Radarreflektor.

Um 7 Uhr in der früh verlassen wir den Hafen von Leixoes. 4 Stunden motoren wir bei schwachem Wind, lassen den Wassermacher schuften und füllen unsere Trinkwasservorräte auf. Dann frischt es etwas auf und wir setzen zum Großsegel die Genua und baumen aus. An backbord zieht sich von Porto aus ein endlos langer Sandstrand bis zur Lagune von Aveiro, unserem heutigen Ziel. In der Hafeneinfahrt funkt uns PortControl an und fragt was wir vorhaben – ups, wir haben vergessen unsere Ankunft per Funk anzumelden. Wir erklären dass wir in der kleinen Bucht vor Soa Jacinto ankern möchten und erhalten die Genehmigung zum Einlaufen.

Wir wundern uns noch dass das Wasser in der Flussmündung so merkwürdig aussieht, beim näher kommen erkennen wir große Strudel und Felder mit stehenden, brechenden Wellen, sie sind kurz und spitz, teilweise schäumt es richtig. Auryn fängt an zu schlingern und zu taumeln, ein Blick zur Logge offenbart 9 Knoten SOG – es setzt eine Stömung von mindestens 5 Knoten, glücklicherweise mit uns. Die Einfahrt zum Ankerplatz ist spannend denn nun setzt die Strömung quer und wir müssen stark vorhalten. Der Anker fällt und Thomas entdeckt im klaren Wasser einen kleinen Hai dicht beim Boot, vielleicht 70 cm lang. Kurz nach uns erreicht Fabio mit seiner Murphy den Ankerplatz, wir haben uns in Leixoes kennengelernt uns sind heute zusammen gestartet.

Am nächsten Morgen machen wir es ganz ordentlich: ich funke Aveiro PortControl an und bitte um Erlaubnis den Ankerplatz zu verlassen und den Hafen zu passieren. Ich frage ob gerade Schiffsbewegungen im Hafen sind und ob wir gefahrlos auslaufen können. Wir dürfen. Murphy ist wenige Minuten vorher auch aufgebrochen.

Das Wasser läuft gerade ab und mit abermals 9 Knoten SOG verlassen wir Aveiro. Draussen empfangen uns hohe Kreuzseen, die sich hier im flachen Wasser aus Strömung, Windwellen und Atlantikdünung aufgebaut haben. Nachdem wir den Bereich vor der Flussmündung verlassen haben und die starke Strömung ihre Wirkung verliert verbessert sich das Wellenbild deutlich. Die Wellen sind immernoch hoch, rollen aber einigermaßen gleichmäßig von achtern an, heben Auryns Heck und lassen sie auf ihren Kämmen surfen. Wir steuern von Hand, unser elektrischer Autopilot kommt mit den aktuellen Bedingungen nicht gut klar und versteuert sich häufig. Unsere Windfahnensteuerung könnte es vermutlich besser, aber das zusätzliche Ruderblatt haben wir noch nicht installiert. Die Gefahr von Attacken durch Schwertwale ist hoch, in den letzten Wochen sind die Tiere nach Norden gezogen aber seit ein paar Tagen sind sie wieder auf dem Weg nach Süden und die Meldungen von Begegnungen und Interaktion kommen näher. Wieder hat es eine Attacke vor Leca da Palmeira gegeben. Das Ruderblatt der Windfahnensteuerung wollen wir daher erst anbauen wenn es uns nicht mehr von rüpelhaften Orcas abgerissen werden kann.

Die Küste sieht aus wie gestern, schnurgerade und Sandstrand soweit das Auge reicht.

Knapp hinter uns segelt Murphy und gemeinsam runden wir Cabo Montego. Gewitzt wie wir sind haben wir vorsorglich ein Reff ins Groß gebunden als wir uns dem Kap genähert haben und tatsächlich frischt der Wind auf 25 Knoten auf. Unsere Funkrufe nach Figueira da Foz bleiben unbeantwortet, also laufen wir ein. Auch hier in der Mündung des Mondego setzt eine Strömung, aber nicht so stark wie gestern. Nach uns läuft Murphy ein und später am Abend kommt Vidalia direkt aus Leixoes an. Sie segelt unter britischer Flagge mit zwei sehr netten Italienern an Bord, Marco und Valentina. Wir gehen einkaufen und laden am Abend Alle in unser Cockpit ein, wo wir bis weit nach Sonnenuntergang gut gelaunt zusammensitzen.

Am nächsten morgen geht es weiter, wir nutzen die aktuelle Windlage um den weiten Weg nach Süden zu schaffen. Wieder steht eine unglaublich rauhe, kabbelige See von beeindruckenden 3 Meter Höhe. Die Wellensysteme laufen völlig konfus durcheinander und mir ist den ganzen Tag extrem unwohl. Es ist deutlich ungemütlicher als gestern. Das liegt wohl auch an der Topografie der Meeresbodens. Vor Nazare überqueren wir einen Unterwassercanyon von gigantischen Ausmaßen.

Die Schlucht verläuft nahezu rechtwinklich zur portugiesischen Küste, ist 230 Kilometer lang und an ihrer tiefsten Stelle 5000 Meter tief – tiefer als der Grand Canyon an Land. Durch den Atlantikschwell werden die Wassermassen mit hoher Geschwindigkeit durch die Schlucht gepresst, die wie ein Trichter wirkt. Kurz vor dem Strand Praia do Norte steigt der Meeresboden abrupt an und drückt die Wassermassen nach oben. Und so baut sich vor Nazare – genau hier wo wir gerade entlangsegeln – eine Monsterwelle von 20 bis 30 Metern Höhe auf, auch bekannt als die „Bestie von Nazare“.

BigWaveSurfen mit Auryn

Die höchsten surfbaren Wellen der Welt locken zahlreiche BigWaveSurfer an, hier werden Weltrekorde aufgestellt. Zum Glück beginnt die Saison erst im November wenn über dem Nordatlantik die Winterstürme toben.

Wieder steuern wir alles von Hand, wir kämpfen zwar nicht mit der einen Bestie aber dafür mit unzähligen Biestern. Plötzlich springen Delfine neben dem Schiff und erschrecken uns fürchterlich. An backbord sehen wir immer mal Murphys Mastspitze aus den Wellentälern auftauchen. Wir bewundern Fabio, er segelt das Alles alleine und Murphy ist nur knapp über 8 Meter lang.

Islas Berlengas

Cabo Carvoeiro

Ab hier ändert sich das Erscheinungsbild der Küste, sie ist hoch und zerklüftet und wir sehen die Atlantikwellen dagegen donnern.

Nach 56 hart erarbeiteten Seemeilen erreichen wir am Abend Peniche. Wir haben Cabo Carvoeiro und die vorgelagerten, unbewohnten Berlengas passiert. In Peniche wären wir gern einen oder zwei Tage geblieben. Auch Peniche ist ein berühmter Surfspot. Es ist wunderschön hier und uns tut von den letzten anstrengenden Segeltagen alles weh. Aber der folgende Tag ist der vorerst Letzte mit richtig guter Vorhersage für die 40 Seemeilen bis Cascais, dann liegen wir praktisch vor Lissabon und deutlich geschützter. Und so brechen wir auf, Seite an Seite mit Murphy. Das ist praktisch, denn so können wir uns beim Segeln gegenseitig fotografieren.

Cabo da Roca mit Nebelmütze

Cabo da Roca

Vor dem Cabo da Roca – übrigens dem wirklich westlichsten Zipfel europäischen Festlandes, noch ein Ende der Welt – schläft plötzlich der Wind ein. Nebel zieht auf. Dann kehrt der Wind zurück, gerade so viel dass das Großsegel vernünftig steht ohne zu schlagen. Als wir es eben gesetzt haben hören wir einen Funkspruch. Die Segelyacht Midnight Sun, die etwa eine Meile vor uns segelt, warnt Auryn und Murphy. Hinter dem Kap soll es beinahe 30 Knoten Wind geben. Wir reffen gleich wieder ein und harren der Dinge die da kommen. Und wirklich, wir tauchen aus dem Nebel und als wenn ein Schalter umgelegt würde haben wir plötzlich 28 Knoten halben Wind. Wir fliegen auf Cascais zu und lassen vor der Marina den Anker fallen. Es ist schlagartig furchtbar heiß hier. Später am Nachmittag kommt Fabio mit dem Dinghy aus der Marina, wir klönen über die letzten Segeltage und tauschen Bilder aus.

Den nächsten Tag bleiben wir am Anker, faulenzen, basteln und erholen uns. Vor uns liegt die portugiesische Hauptstadt.

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