Die Rias Altas sind fjordartige, zum Teil weit verzweigte und tief ins Land einschneidende Meeresbuchten in den nordwestspanischen Regionen Asturien und Galicien. Entstanden sind sie aus überfluteten Flusstälern, so genannten Ästuaren. Die Küste ist felsig, zerklüftet und steil, bietet aber immer wieder idyllische Ankerplätze vor feinsandigen, weißen Stränden. Hinter den stellenweise hunderte Meter hohen Granitklippen erstrecken sich die Ausläufer der Cordillera Cantábrica bis ans Meer, bedeckt von tiefdunkelgrünen Wäldern.
Am 30.07.2026 laufen wir am Nachmittag in den Ria de Aviles ein. Ein Mann steht am Steg, zeigt uns einen freien Liegeplatz an und hilft beim festmachen. Wir begrüßen ihn und bedanken uns auf spanisch, dass wir extra auf der Überfahrt noch einmal aufgefrischt hatten. „Moin“ sagt er und stellt sich als Hafenmeister Micha vor, gebürtiger Saarländer der vor 4 Jahren mit dem Segelboot aus Warnemünde hier angekommen und geblieben ist. Wir erledigen die Formalitäten, die in spanischen Häfen sehr umfangreich sind – detaillierte Angaben zum Boot, allen Personen an Bord, Versicherungen, vorherigen und zukünftigen Reisezielen müssen gemacht werden. Micha staunt dass wir aus Camaret sur Mer kommen – viele überqueren die Biskaya mittlerweile nicht mehr sondern segeln an der Küste entlang.
Er gibt uns 15 Minuten Zeit um uns „landfein“ zu machen, dann bekommen wir eine kleine Stadtführung und einen ersten Eindruck von Aviles. Nach einem kleinen Bier und Tapas in einer Taberna lädt uns Micha für den Abend zum wöchentlich stattfindenden Skipperabend ein.
Wir machen auf Auryn noch klar Schiff und etwas Siesta und finden uns am Abend zusammen – wir, Micha und ein lustiges tschechisches Seglerpaar. Micha kennt ein Restaurant in der Altstadt, sehr schön gelegen am Plaza Domingo Alvarez Acebal. Es liegt inmitten unzähliger anderer kleiner Bars und Tabernas unter einem Bogengang. Es bietet ein 3gängiges Menü inklusive einer Flasche Rotwein – pro Person. Ich seufze und durchforste im Geiste schonmal unsere Schapps nach den Kopfschmerztabletten….




Es wird ein lustiger Abend. Das tschechische Paar hat eine unglaubliche Pechsträne hinter sich die unsere kleinen Baustellen gleich in einem viel freundlicheren Licht erscheinen lassen. Ihre Schiffsschraube hat durch die Lenzlöcher des Cockpits die Leine eingefangen, mit der die Rettungsinsel ausgelöst wird, die im Cockpit befestigt war – unglaublich das so etwas passieren kann. Durch die daraufhin blockierende Welle wurde der Motor aus seiner Verankerung gerissen. Neue Verankerungen mussten geschweisst werden und umfangreiche Reparaturen am Motor selbst und an Schraube und Welle waren nötig.



Wir bechließen auch den nächsten Tag in Aviles zu bleiben. Die Stadt gefällt uns. Wir verbummeln die Zeit im Parque de Ferrera, dem historischen Stadtpark im Herzen der Stadt. Er ist 81.000 Quadratmeter groß und verbindet englische und französische Gartenstile. Ein Highlight sind die Teiche mit den seltenen schwarzen Schwänen.








Wir statten dem stadtgeschichtlichen Museum einen Besuch ab welches auf 4 Etagen einen kleinen Eindruck über die Vergangenheit Aviles vermittelt.

Oft sehen wir Pilger mit der Jakobsmuschel am Rucksack – wir sind auf dem Camino, dem Jakobsweg, oder vielmehr einem der Jakobswege, wie wir lernen. Hier verläuft der nördliche Abschnitt des Camino de Santiago an der Küste Asturiens und Galiciens entlang, weiter südlich gibt es noch eine Variante die duch das kantabrische Gebirge führt.
Am Tag darauf segeln wir weiter, unser Ziel ist Luarca. Es gibt offiziell nur drei Gastliegeplätze im Vorhafen an Bojen, zum Glück ist nur eine belegt. Wir bringen vom Heck eine Leine zur Betonpier aus um zu verhindern das Auryn das enge Fahrwasser blockiert. Es herrscht reger Betrieb, aus dem Stadthafen hinaus auf die Biskaya und zurück sind ständig Fischer unterwegs. Die Betonpier hinter unserem Heck wird ausserdem von den Jugendlichen des Ortes als Freibad genutzt, es ist also immer Trubel um uns herum.


Mit Artax versuche ich zuerst alleine am gegenüberliegenden Strand anzulanden, was überraschend gut funktioniert. Was entgegen meiner Erwartungen weniger gut klappt ist durch die brechenden Wellen vom Strand wieder weg zu kommen. Sobald ich im Boot bin werde ich schneller als ich die Paddel greifen und losrudern kann zurück auf den Strand geworfen. Erst im dritten Versuch klappt es und ich komme frei, aber zur unverhohlenen Freude meines spanischen Publikums, welches sich mittlerweile eingefunden hat werde ich dabei auch noch ordentlich nass.


Später finden wir im Stadthafen am Steg der Fischer eine Möglichkeit bequem und trocken mit Artax anzulegen. Es ist Sonntag und in dem kleinen Ort ist ganz schön was los. Die einzige Hauptstraße die am Hafen entlangführt ist brechend voll, Leute mit Masken tanzen einer Blaskapelle hinterher die von einem Ende der Straße zum anderen zieht und wieder zurück, und das immer wieder. Dabei spielt sie immer nur ein Lied – Bad Romance, welches wir in der BrassVersion noch Tage später in den Ohren haben. Die ausgelassene, fröhliche Stimmung ist ansteckend, wir haben keine Ahnung was der Anlass ist, bestellen in einer Bar, der Nuevo Planeta, Sidra zu denen wir Tapas gereicht bekommen und tanzen mit.




Später wandern wir zum Faro de Luarca – dem Leuchtturm – auf die östlich der Stadt gelegenen Klippe. Hier befindet sich auch der wunderschöne Cementerio parroquial de Luarca.



Auf dem Rückweg gönnen wir uns noch einen Sidra – den für Asturien typischen stillen Apfelschaumwein – und rudern dann glücklich nach Hause.
Am nächsten morgen fällt die Entscheidung – wir bleiben. Artax bringt uns an den Fischersteg der heute ganz leer ist – alle sind zur Arbeit draussen auf dem Meer. Wir kaufen etwas Marschverpflegung und machen uns auf den Weg zur Ermita de San Roque y San Martin, einer kleinen Kapelle westlich oberhalb des Ortes. Von hier haben wir einen wunderbaren Blick über den Ort und die Bucht in der Auryn friedlich an ihrer Boje schaukelt, aber auch einen weiten Blick in das Hinterland, wo sich imposant die Cordillera Cantabrica erheben.






Am Nachmittag rudern wir noch einmal zum Strand, baden und spielen und kommen mit netten Menschen ins Gespräch. Erstaunlicherweise ist der Aufhänger meistens Artax, den die Spanier – auch in späteren Ankerbuchten – „beautiful“ finden. Dann folgen natürlich die unvermeidlichen Fragen nach dem Woher und Wohin, und so entstehen oft schöne Begegnungen, die uns in Erinnerung bleiben.

Am nächsten Morgen nehmen wir Absschied von Luarca, mit vielen schönen Erinnerungen im Gepäck.
Ca 5 Stunden laufen wir unter Motor, wir haben nur 2 Knoten Wind und umlaufend, bis es plötzlich, kurz vor unserem heutigen Ziel Ria de Riabadeo mit 25 Knoten aus Nordwest zu wehen beginnt. Begeistert setzen wir die Segel und Auryn stürmt die letzten Meilen dahin. Wir sind kurz versucht weiterzufahren, aber der nächste mögliche Ankerplatz ist weit und wir würden in die Nacht geraten. Wir wollen aber hier nur bei Tageslicht fahren da die spanischen und portugiesischen Behörden empfehlen man solle sich so dicht wie möglich bei der 20 Meter Wassertiefenlinie zu halten. Grund ist die Gefahr von Interaktionen mit spielenden Schwertwalen.

An der 20 Meter Tiefenlinie zu fahren ist aber illusorisch – die Küste ist extrem steil und diese geologischen Formationen setzen sich unter Wasser genauso fort – manchrorts ist 20 Meter Wassertiefe also schon 5 Meter vor der Küstenlinie. Zudem ist die Küste sehr stark zerklüftet und es ist unmöglich jede einzelne Bucht auszufahren. Auch sind nah unter der hohen Küste unberechenbare Fallböen eine Gefahr für ein kleines Boot, ganz zu schweigen von hohen, brechenden Wellen. Aus diesen Gründen wollen wir hier keine Nachtfahrten unternehmen.
Also, auch wenn es gerade so gut läuft – auf nach Ria de Riabadeo. Kurz bevor wir in das Ästuar einbiegen beginnt es zu regnen. Es ist das erste Mal auf unserer Reise – gewissermaßen seit Beginn der (Logbuch-)Aufzeichnngen, dass es regnet.
Ein Mitarbeiter der Marina empfängt uns, zeigt uns unseren Liegeplatz und hilft beim Alegen. Nach einem kurzen Bummel durch den Ort und einer Dusche fallen wir in die Koje.





Am Morgen holt Thomas frisches Baguette, wir frühstücken und fahren weiter – segeln geht nicht, der gute Wind von gestern Abend ist natürlich weg. 1 Knoten aus West notiere ich im Logbuch.

Wir ankern in Ria de Viveiro. Mit Artax rudern wir zum Strand, kaufen im Ort etwas Gemüse ein. Große Fische tauchen am Beiboot auf, tummeln sich darunter. Sie wirken neugierig. Zurück an Bord holen wir die Angel raus, aber leider haben wir keinen Erfolg.

Die Nacht ist unruhig, Schwell steht in die Bucht. Wir sind zeitig wach, trinken Kaffee und starten. Als wir die Mündung des Ria verlassen steht draussen eine 2 Meter hohe Kreuzsse – also konfuse Wellensystem aus unterschiedlichen Richtungen. Auryn wird hin und her geworfen. Wir ärgern uns dass wir im Landschutz nur das Vorsegel gesetzt haben – wir dachten das würde bei 20 Knoten Wind erstmal reichen. Nun sind wir aber zu langsam, bei so hohen Welle brauchen wir mehr Fahrt. Das Großsegel muss hoch. Erst im zweiten Anlauf schaffen wir es, Auryn beschleunigt und sofort liegt sie ruhiger und stabiler im Wasser. Die Wellen sind immernoch gigantisch hoch, lassen sich aber mit mehr Geschwindigkeit viel besser aussteuern.



So geht es heute mal flott voran zu einem traumhaften Ankerplatz – Ria de Cedeira. Um 16:30 Uhr fällt das Eisen, es bläst mittlerweile mit 25 Knoten. Da trauen wir uns nicht Artax aufzubauen, womöglich würde er uns davon fliegen ehe er im Wasser ist.
In der Nacht legt der Wind nochmal zu, 30 Knoten lesen wir am Windmessgerät ab – Windstärke 7. Der Wind faucht aus den umliegenden Bergen über die Bucht und heult im Rigg. Der Windgenerator heult mit – ich bekomme kaum ein Auge zu. Der Anker hält – wir haben ihn wie immer gut eingefahren und 40 Meter Kette gesteckt, bei 4 – 7 Metern Wassertiefe.

Am Morgen ist der Spuk vorbei, alles ist ruhig. Wir entscheiden uns hierzubleiben. Wir rudern zum Playa de Magdalena, kaufen ein und essen Eis und verbringen den Nachmittag am traumhaften Praia de mi Senora – einer versteckten, nur etwa 50 Meter breiten Bucht, die von Felsen gesäumt ist und nur per Boot oder über einen halsbrecherischen Pfad mit Seilsicherung zu erreichen ist. Oben auf den Klippen wächst ein riesiger, alter Eukalyptuswald. Die Klippen sind von Schlingplflanzen überwuchert, im klaren, türkisblauen Wasser flitzen Fische und kleine Krabben und Granelen wuseln umher. Es ist wirklich unfassbar schön. Wir spielen und baden stundenlang, ich klettere an dem Seil auf die Klippen und wandere zum kleinen Leuchtfeuer Punta Martin.










Zurück am Boot duschen wir an unserer Heckdusche – es fühlt sich nach purem Luxus an.


Am nächsten Tag lichten wir den Anker und fahren nach Enseada de Mera im Ria de Coruna. Auf dem Weg sehen wir einen Orca, aber er zieht weit entfernt vorbei. Diese Bucht ist das krasse Gegenteil zu Cedeira. Laut, voll, aber nicht unsympathisch. Der Strand ist brechend voll, aus Lautsprechern schallen Durchsagen über die Bucht. Es wird im Ankerfeld Wasserski gefahren, Menschen auf SUPs kommen ans Boot, schauen ins Cockpit, wir kommen ins Gespräch. Irgendwann in der Nacht gibt es Feuerwerk. A Coruna, die Hauptstadt Galiciens, liegt direkt gegenüber und erhellt mit ihrem Lichtermeer den Nachthimmel.




Nach einem späten Frühstück – es gibt Burritos – machen wir uns auf den Weg in die Marina Coruna.

Hier steht zuallererst Wäsche waschen auf dem Programm und zu meiner großen Freude finde ich hier eines meiner Lieblingsbücher, auch noch in deutscher Sprache, welches ich aus Platzgründen nicht mit auf unsere Reise genommen habe. Es liegt da ausgelesen auf der Waschmaschine, gehört auf Nachfrage niemandem und ich nehme es natürlich mit. Es ist wie ein Geschenk. In Marinas und in Waschsalons werden ja immer Bücher getauscht, aber das ist schon besonders – ein gutes Zeichen.
Am Abend unternehmen wir eine Bummel durch die Cidade Vella, A Corunas Altstadt. Sie umfasst kaum mehr als einen Quadratkilometer im Osten der Halbinsel. Alles andere wurde im Jahre 1589 von den Kanonen britischer Kriegschiffe unter dem Kommando eines ehemaligen Piraten, Francis Drake, dem Erdboden gleichgemacht. Beeindruckend ist der Torre de Hercules, der älteste noch funktionierende römische Leuchtturm der Welt. Das 55 Meter hohe Wahrzeichen stammt aus dem 1. (!) Jahrhundert und gehört zum UNESCO – Weltkulturerbe.








Am nächsten morgen proviantieren wir das Boot für die kommenden Tage. Einkaufen in Spanien stellt uns vor eine Herausforderung – das Angebot an frischem Obst und Gemüse aus der Region, Fisch, Meeresfrüchten und natürlich spanischem Schinken ist unüberschaubar groß. Alles darf gekostet werden. Und die Preise sind mehr als fair.








Nach nur eier Nacht verlssen wir die Marina Coruna, die teuer und wenig attraktiv ist. Wir fahren zurück zu unserem Ankerplatz, lassen Artax zu Wasser und verbringen einen lustigen Abend am Strand.


Unsere Tochter übt fleißig schwimmen. Am Abend findet endlich offiziell Artax` Taufe statt.

Am nächsten Tag, nachdem der morgendliche Nebel sich verflüchtigt hat lichten wir den Anker und tuckern aus der Bucht hinaus, mit Kurs auf die Costa de la Muerte.

Wieder einmal Wunderschön geschrieben und toll fotografiert. Ich wünsche Eich weiterhin eine schöne Reise mit Orca‘s nur aus der Ferne.
Liebe Grüße Axel