Lissabon Blues

Vom Ankerplatz vor der Marina Cascais starten wir noch weit vor Sonnenaufgang. Wir laufen unter Maschine mit dem auflaufenden Wasser in die Mündung des Tejo ein. Alle Marinas an denen wir vorbeikommen sind voll ausgebucht, erst in der allerletzten bekommen wir auf unsere Funkrufe eine positive Antwort – wir dürfen einlaufen. In der Einfahrt werden wir von einem Schlauchboot empfangen und zu unserem Liegeplatz geleitet wo schon zwei Marineiros auf uns warten und die Leinen entgegen nehmen.

Die Marina Parque das Nacoes liegt auf dem Gelände der Weltausstellung „Expo 98“ und ihre Umgebung ist geprägt von vielen imponierenden Bauten, die zu einem großen Teil ehemalige Pavillons der Ausstellung sind.

Jetzt gilt es erst einmal gewisse organisatorische Dinge zu erledigen. Bereits auf dem Weg hierher haben wir den Watermaker gespült, nun machen wir uns gemeinsam an den Ölwechsel des Motors. Ausserdem muss Bettwäsche gewaschen und getrocknet werden. Kleinere Wäschestücke sind problemlos als Handwäsche zu bewältigen, aber für Bettwäsche und Handtücher sind wir froh um eine Waschmaschine.

Am nächsten Tag besteigen wir den Bus und fahren nach Lissabon.

Von hier soll uns unsere Reise eigentlich weiter nach Madeira führen, aber im Moment ist die Stimmung an Bord eher gedrückt.

Die Wetterprognosen sind eigentlich gut für den bevorstehenden 500 Seemeilen langen Schlag, auch wenn uns die letzten Etappen seit Leixoes immernoch anhängen und uns vielleicht auch ein bisschen ernüchtert haben. Viel schwerer fällt es uns eine Entscheidung zu treffen wann der geeignete Zeitpunkt zum lossegeln ist wegen der ständigen Orcaattacken. Waren sie Anfang September noch weit im Norden in der Gegend vor A Coruna, so ziehen die Meeressäuger offenbar aktuell wieder nach Süden, beinahe täglich wird von neuen Attacken berichtet. Die Verantwortung für das Wohlergehen unseres kleinen Zuhauses und unserer kleinen Familie lastet schwer auf uns. Und nicht nur in Bezug auf die Interaktionen mit Schwertwalen, ganz allgemein treibt uns die Frage um ob wir es schaffen werden den atlantischen Ozean zu überqueren, und wenn ja, wie es weitergeht, ob wir all den Herausforderungen gewachsen sein werden. Freunde und Familie machen uns am Telefon Mut.

Wir diskutieren die Alternativen die wir hier noch haben und mehrere mögliche Wege in die Zukunft. An Bord macht sich eine gewisse Niedergeschlagenheit breit. Nichtsdestotrotz proviantieren wir für den bevorstehenden Schlag nach Madeira, aber als wir Lissabon verlassen ist unklar ob wir tatsächlich lossegeln werden. Wir ankern eine Nacht vor der Marina Oeiras und das ist tatsächlich die schlimmste Nacht die ich je auf einem Segelboot verbracht habe. Ab Mitternacht steht ein unglaublicher Schwell, dazu praktisch kein Wind. Die ganze Einrichtung fliegt im Boot umher, wir sind ständig auf den Beinen um größere Schäden zu verhindern. Auryn ächzt zum Erbarmen und wälzt sich in der anrollenden See. Oft sind wir draussen und experimentieren mit der Ruderstellung, räumen in der Backskiste klappernde Gegenstände hin und her. An Schlaf ist – zumindest bei Thomas und mir – nicht zu denken. Am Morgen bin ich richtiggehend seekrank. Ich liege auf dem Salonboden und leide vor mich hin, sobald das erste Tageslicht erscheint sitze ich im Cockpit und starre auf den Horizont. Am späten Vormittag erhalten wir von der Marina Oeiras endlich per Mail die Bestätigung das ein Liegeplatz frei wäre – noch nie war ich so froh einen Ankerplatz zu verlassen.

Deprimiert und entmutigt machen wir fest, am Nachmittag folgt Murphy aus Parques das Nacoes. Schon am nächsten morgen läuft Fabio wieder aus und segelt weiter gen Süden. Die Marina überrascht uns jeden Morgen mit zwei frischen Brötchen die wir nach dem aufstehen in einer Papiertüte im Cockpit finden.

Wir raffen uns auf und bauen das Ruder der Windpilot Pacific Plus an, damit wäre zumindest unsere Windfahnensteuerung einsatzbereit. Und wie wir noch dabei sind klopft es plötzlich am Schiff und am Steg steht ein symphatischer Typ, der sich als Roger vorstellt. Er hat unseren TO – Stander gesehen, unter dem er auch segelt. Roger ist mit seiner Frau Ursula schon seit 7 Jahren unterwegs, sie stammen aus der Schweiz und segelten erst auf einer Reinke und nun auf einer HR 36. Roger kommt an Bord, wenige Minuten später kommt Ursula dazu und in kürzester Zeit fühlt es sich an als würden wir uns schon ewig kennen. Wir verabreden uns für den Abend an Bord ihrer Merci. Beim Wasserbunkern rutscht der Schlauch aus der Einfüllöffnung des Tanks, schlägt ein paarmal wild umher und findet dann zielsicher seinen Weg durch das geöffnete Vorschiffsluk. Literweise ergiesst sich das Wasser über Klamotten und Segel, die dort lagern. Polster, Teppich, die Wände – alles tropft. Zum Glück scheint die Sonne und es weht ein kräftiger Wind. Wir tragen alles nach draussen.

Am Nachmittag läuft Odde ein, sie lag auch schon in Leixos mit uns. An Bord sind Alex und Charlotte, die beiden werden für den Abend direkt mit eingeladen. Es wird ein sehr lustiger Abend, die Gespräche tun uns gut und der Optimismus Gleichgesinnter färbt auf uns ab. Roger und Ursula verwöhnen uns mit tollenLeckereien, landestypischer getrockneter Salami und leckerem Käse, als Schweizer verfügen sie in Sachen Käse natürlich über eine gewisse Expertise.

Deshalb entscheiden wir am nächsten Morgen noch nicht aufzubrechen und die Gesellschaft hier noch etwas zu geniessen. Nachdem wir erneut die verschiedenen Vorhersagemodelle verglichen haben beschließen wir, das auch übermorgen ein guter Tag zum Starten ist. Wir bereiten schon ein paar Dinge vor, wir lagern zum Beispiel die Ankerkette aus dem Ankerkasten tiefer ins Vorschiff um den Bug zu entlasten, ausserdem warten wir nochmal die Windfahne und reinigen den Filter des Wassermachers. Den Rest des Tages verbringen wir am Strand.

Auch der nächste Tag wird ein Strandtag, nachdem wir am morgen nochmal den Ablauf des Kühlschranks und die Bilge gespült haben. Wir verbringen noch einen schönen Abend mit der Crew der Odde, die wir hoffentlich auf den Kanaren oder den Kap Verden wiedersehen.

Und morgen früh werden wir ablegen. Unser Ziel: Madeira.

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