Es ist Montag, der 27.06.2026 um 12 Uhr, als wir in Camaret sur Mer unsere Leinen loswerfen und ablegen. Wir sind nervös, andere Crews die wir kennengelernt haben wollen noch warten, manche reden sogar vom Umkehren. Vor uns liegt die Biskaya.

Die Biskaya ist an sich schon kein einfaches Seegebiet, die Bedingungen hier sind oft alles andere als leicht. Die vorherrschende Windrichtung ist Südwest, er weht über den atlantischen Ozean und hat lange Zeit um hohe Wellen aufzubauen und vor sich herzutreiben. Noch dazu werden die Wassermassen am Kontinentalschelf abgebremst – der Meeresboden steigt sprunghaft von 5000 Metern Tiefe auf nur 100 Meter Tiefe an. Das lässt die Wellen noch einmal höher und steiler werden.
Es ist wichtig zur richtigen Jahreszeit hier zu sein und ein gutes Wetterfenster für die Überquerung abzupassen. Beides passt für uns, es ist Ende Juli und für die nächsten Tage sind mäßige Winde vorhergesagt, zuerst mit nördlichen Komponenten, später abschwächend und auf südlichere Richtungen drehend. Da wir in den letzten Wochen unglaublich viel nordöstliche Winde hatten, was uns im englischen Kanal gut voran gebracht hat erwarten wir auch keine allzu hohe Dünung.
Sorgen macht uns etwas ganz anderes.
Es sind die iberischen Orca. Seit 2020, seit nunmehr 6 Jahren, findet eine kleine, stark vom Aussterben bedrohte Schwertwalpopulation die vor der Iberischen Halbinsel und in der Straße von Gibraltar lebt Gefallen daran, mit Segelyachten zu interagieren – sie rammen und beschädigen gezielt Ruderblätter von Segelbooten. Die Wissenschaft spricht von erlerntem Spielverhalten junger Tiere. Die Population ist umfasst nur etwa 40 Tiere und von diesen wiedrum zeigen nur ganz wenige – eine Gruppe von ca 8 Tieren – dieses für uns unangenehme Verhalten.
Im besten Fall kommt es nur zu ein paar Remplern, aber viele Yachten wurden bisher so schwer geschädigt dass sie manövrierunfähig abgeschleppt werden mussten. Einige haben durch die Beschädigungen am Ruder Wassereinbruch erlitten und sind gesunken.
Im Winter halten sich die Orcas nahe der Straße von Gibraltar auf, aber im Sommer folgen sie den Thunfischen nach Norden – sie kommen uns also entgegen.
Wir verfolgen das Geschehen ständig über die einschlägigen Quellen, und dass vor nur einer Woche 5 Segelboote vor der Küste Asturiens und Galliziens zum Teil massiv bedrängt worden sind macht uns, genauso wie alle anderen Segelcrews die wie kennengelernt haben und die auf dem Weg nach Süden sind, nervös.
Wir sind vorbereitet, wie viele Andere auch. Wir haben einen sogenannten Wal-Pal an Bord. Das ist ein akkustisches Gerät, welches an einer etwa 10 Meter langen Leine hinter dem Boot geschleppt wird und alle 4 Sekunden ein hochfrequentes Signal abgibt – und ausserdem in unregelmäßigen Abständen ein Störsignal, um Gewöhnung zu verhindern. Damit werden Schwertwale erfolgreich davon abgehalten sich dem Boot und insbesondere dem Ruderblatt zu nähern.

Und so fahren wir also los.Wir rechnen mit ca 4 Tagen für die 360 Seemeilen lange Strecke. Die Stimmung an Bord ist angespannt.

Wenige Stunden nach der Abfahrt, kurz vor der Ile de Sein, sehen wir eine große Ansammlung von Vögeln auf den Wasser, wir segeln mitten hinein. Sie steigen auf und stoßen dann ins Wasser hinab, offensichtlich jagen sie. Und dann Delfine! Sie sind plötzlich rund um uns, springen aus dem Wasser und flitzen hin und her. An Auryn zeigen sie kein Interesse.
Am Abend des ersten Tages lassen wir den Wal-Pal ins Wasser. Es wir empfohlen eine Geschwindigkeit von 5 Knoten zu halten damit er in der richtigen Tiefe schwimmt um durch seine Schallsignale das Ruderblatt optimal vor Attacken zu schützen.




Wir segeln die erste Nacht mit dem 2. Reff im Groß und gereffter Genue bei knapp 30 Knoten Wind. Wir haben Vollmond, und unser kosmischer Nachbar strahlt hell und erleuchtet die Nacht. Es ist wunderschön. Die Wellen sind riesig hoch, bestimmt 3 Meter, aber da sie so langgezogen sind geht es immer nur gleichmäßig hinauf und hinunter wie in einem Fahrstuhl. Mich nimmt das den ersten Tag lang ziemlich mit – ich habe zum ersten Mal seit wir unterwegs sind Kopfschmerzen und fühle mich elend. Der Rest der Crew segelt derweil enthusiastisch in den neuen Tag.
Der zweite Tag verläuft ereignislos. Der Wind lässt erwartungsgemäß nach und dreht von Nordwest über Ost auf Südost, wir passen die Segelstellung entsprechend an. Wir kochen, lesen, spielen und halten Ausschau. Nix zu sehen, nur zwei große Schiffe ziehen weit westlich vorbei. Die Wellenhöhe nimmt deutlich ab. Wir kontrollieren den Wal-Pal, den wir die ganze Zeit nachschleppen. Ein bisschen Seegras hängt daran, wir entfernen es. Andere Segler berichteten dass sie das Gerät erst bei Schwertwalsichtungen ins Wasser gelassen haben aber da wir zwangsläufig nachts segeln und gar nichts sehen ist das für uns im Moment keine gute Taktik.
Die zweite Nacht ist ruhig, unter Vollzeug sgelt Auryn beständig nach Süden. Unser Ziel war ursprünglich A Coruna, aber die letzten Sichtungen waren am Kap Finisterre und darum haben wir den Kurs etwas korrigiert und halten nun das Cabo Penas an.
Der zweite Tag verläuft noch ereignisloser, am Nachmittag ziehen noch einmal Delfine in einiger Entfernung vorbei. Trotzdem sind wir angespannt, jedes komische Geräusch, jedes Poltern im Schiff lässt uns zusammenfahren. Am Abend macht uns ein Schwarm Thunfische nervös der auf Gegenkurs dicht vorüberzieht. Wir sehen sie wie sie aus dem Wasser springen, es schäumt richtig. Jagen sie oder werden sie gejagt? Von wem? Je näher wir der spanischen Küste kommen umso angespannter halten wir Ausschau.
Am späten Abend schläft der Wind beinahe völlig ein, nur noch drei Knoten und umlaufend. Es nützt nix – Luigi muss helfen, hier wollen wir nicht rumdümpeln und auf Wind warten, ausserdem brauchen wir Fahrt im Schiff damit der Wal-Pal funktoniert.
Am nächsten Vormittag, wir sind drei Tage unterwegs, taucht im Dunst und unter tief hängenden Wolken die spanische Küste auf – eindrucksvoll erhebt sich die Cordillera Cantábrica aus dem Meer, die westliche Verlängerung der Pyrenäen. Jetzt müssen wir nochmal aufmeksam sein, die Orcas folgen oft den Fischern und die meisten Interaktionen erfolgen in den küstennahen Gebieten bei 100 – 20 Meter Wassertiefe. Mit jedem Meter den wir näher an die Küste kommen fällt schließlich die Anspannung ab, unser Ziel Aviles in der nordspanischen Region Asturien ist zum Greifen nah.



Wir fallen uns in die Arme und klatschen ab als wir in die Flussmündung des Ria de Aviles einbiegen der zur gleichnamigen Stadt und zum Hafen führt. Wir holen unseren Wal-Pal ein und sind geschockt: Er hat rundherum Bissspuren, Wasser ist ins Gerät eingedrungen. Im ersten Moment ist unklar ob er überhaupt noch funktioniert, und falls nicht, wie lange ist das schon so?? Das müssen wir erstmal verdauen, eine Recherche ergibt dass es durchaus vorkommt dass das Gerät von großen Haien beschädigt und sogar abgerissen wird… mittlerweile sind wir froh dass das Gerät überhaupt noch da ist und funktioniert.


Insgesamt hatten wir eine wirklich einfache Überfahrt, wir waren 74 Stunden unterwegs – das Wetter hat gepasst, der Wind war gut wenn auch zum Ende hin etwas mau, wir hatten nicht mit übermäßigem Seegang zu kämpfen – genießen konnten wir sie allerdings nicht so richtig. Das Thema Schwertwale wird uns leider noch die gesamte spanische und portugiesische Küste entlang begleiten – gemeinsam mit einem Wal-Pal, der offenbar Haie anlockt.

Hallo ihr Drei, bin mal wieder an Bord. Das ist ja Wahnsinn. Gott sei Dank, ihr seid gut durchgekommen. Ist schon ganz schön aufregend. Bei uns auf Arbeit merken wir endlich mal, daß Ferien sind. Jetzt schon die zweite Woche weniger Arbeit. Ich habe dann auch ab 10. August Urlaub. Es geht in die Lausitz. Senftenberger Umland. Tschüss bis bald Petra.
Wahnsinn. Mir ist schon vom Lesen ganz zittrig.
Zum seid ihr gut angekommen.
Lg ivi
Hallo liebe Auryn-Crew, weil ich euer Schiff schon viele Jahre kenne (Axel und Astrid sind meine besten Freunde), gab Axel mir den Tipp, eure Reise mitzuverfolgen. Selbst habe ich 40 Jahre mit meinem Mann gesegelt, und kann Freude, Ängste, Schiffsbewegungen usw. gut nachvollziehen. Euer Blog macht richtig Spaß zu lesen, die vielen schönen Bilder begeistern mich. Ich wünsche euch weiterhin orcafreie Fahrt, möglichst wenige technische Probleme und passables Wetter. Bleibt gesund und Grüße an Auryn von Ingelore von der „Mollymauk“.