Am Samstag, 26.07.2026 um 6 Uhr melden wir uns über Funk bei Portland Marina ab, lösen unsere Leinen und verlassen Großbritannien.
Zuerst läuft es gut, es pustet mit 19 kn aus Nordost und wir kommen entsprechend gut voran. Um die Mittagszeit schläft der Wind ein, wir befinden uns gerade mitten in der nördlichen Fahrbahn des großen VTG. Wir schalten Luigi zu, hier müssen wir das Tempo halten denn es ist viel Berufsschiffahrt unterwegs. Wir retten uns bis in die Trennzone, dann schalten wir Luigi wieder ab und bergen alle Segel. Der Wind ist mittlerweile ganz eingeschlafen und der Weg ist noch weit. Es steht eine hohe Dünung und wir können uns kaum auf den Beinen halten. Schwer beeindruckt sind wir von der Seefestigkeit unserer Tochter: ohne sich auch nur irgendwo festzuhalten läuft, rennt und tanzt sie unten im Schiff umher, trägt Decken und Kissen von achtern bis in den Bug, baut Zelte und Höhlen.
Unter wildem Geschaukel treiben wir mit der Strömung 2,8 kn SOG westwärts und warten auf Wind. Irgendwann setzt er auch wieder ein, wir setzten das Groß, lassen erst die Maschine noch etwas mitlaufen und können dann bald wieder das Vorsegel setzen und Luigi ausschalten. Wir versuchen ihn so gut es geht zu schonen, seine Wasserpumpe tropft und in Portland war leider das passende Ersatzteil nicht so ohne Weiteres zu bekommen. Die Jungs vom Mechanical Service waren sehr hilfsbereit, haben uns bei der Recherche geholfen und uns mit Informationen versorgt so dass wir nun zumindest die Artikelnummer des betreffenden Simmerringes kennen aber leider war er nicht vorrätig. Er hätte bestellt werden müssen, wäre erst drei Tage später da gewesen und ausserdem sehr teuer.

Um halb 8 Abends erschallt dann plötzlich Thomas´ Ruf aus dem Cockpit: Delfine!! Wir stürzen den Niedergang hoch und sehen sie – es sind vielleicht 5 oder 6 Tiere die neben Auryn aus dem Wasser springen. Der erste Besuch ist kurz, nach 5 Minuten drehen sie ab. Aber eine halbe Stunde später sind sie wieder da und begleiten uns bestimmt 20 Minuten lang. Sie sind pfeilschnell und spielen ausgelassen in unserer Bugwelle, Und sie sind offensichtlich neugierig: Ich sitze vorn am Bug und schaue nach unten, die Delfine drehen sich auf die Seite, zeigen ihre hellen Bäuche und schauen nach oben. Sie beobachten uns. Immer wieder kommen sie seitlich ans Boot, springen aus dem Wasser, flitzen wieder vor zum Bug und drehen sich in der Bugwelle auf den Rücken. Ich bin ganz gerührt ob dieser Begegnung.



Die Nacht verläuft ruhig, am nächsten Morgen ist es diesig. Irgendwann kommt die französische Küste in Sicht, felsig und schroff erhebt sie sich aus dem Meer. Wir sind in der Bretagne angekommen.
Der nordwestlichste Zipfel des europäischen Festlandes ist sehr speziell. Die Menschen die hier Zuhause sind pflegen eine sehr alte, lebendige keltische Kultur. Zu den wichtigsten Traditionen gehören beispielsweise historische bretonische Trachten, traditionelle Musik mit Dudelsack und Bombarde sowie eine eigene Sprache: das Bretonische, eine keltische Sprache und die Einzige ihrer Art die heute noch auf dem europäischen Festland gesprochen wird. Sie ist eng mit dem Wallisischen und Kornischen verwandt. Alle Straßenschilder sind entsprechend zweisprachig gehalten – gelebte Kultur.
Und Kultur darf natürlich auch lecker sein: An allen Ecken gibt es Galettes: dünne Buchweizenpfannkuchen zu denen trockener Cidre getrunken wird und natürliche frische Austern, Hummer und Jakobsmuscheln – der Fang von Meeresfrüchten prägt hier seit Generationen den Alltag.
Nicht zuletzt sind der Wald von Brocéliande und das Felsenmeer Huelgoat die Orte an denen die Artussage entstanden ist.
Unsere Wahl fällt auf Roscoff, nach 136 sm und 36 Stunden laufen wir in den Hafen ein. Ein Mitarbeiter der Marina empfängt uns in der Hafeneinfahrt im Schlauchboot, fragt nach Länge und Tiefgang und begleitet uns zu unserem Liegeplatz. Er springt an den Steg und hilft uns mit den Leinen. „Merci beaucoup“ glänze ich mit meinen rudimentären Französischkenntnissen.

Am nächsten Tag, wir haben verdientermaßen ausgeschlafen und gemütlich gefrühstückt, laufen wir ca 30 Minuten bis in den Ort. Roscoff ist berühmt für seine speziellen Zwiebeln. Sie werden traditionell zu Zöpfen geflochten und wurden früher als Schiffsproviant geschätzt. Wie mir zugetragen wurde gibt es auch jeden Sommer ein Zwiebelfest.








Die Häuser sind typisch für die Region aus grauem Granit erbaut, Fensterläden und Türen oft im traditionellen bretonischen Blau gestrichen. Überall blühen Hortensien und Schmucklilien. Es gibt unzählige kleine Pattiserien, Boulangerien, Creperien, Restaurants und Cafe´s, die Freisitze sind gut gefüllt. Es duftete nach Gebackenem, überall werden Meeresfrüchte angeboten.


Der alte Hafen direkt am Ort fällt bei Niedrigwasser komplett trocken, die Boote an der Kaimauer werden von ihren Leinen in aufrechter Position gehalten, die kleineren Motor- und Segelboote an den Bojen liegen auf dem Meeresboden.
Am Abend machen wir eine Wanderung zu dem kleinen Strand den wir von Bord aus sehen können, er hat nämlich etwas sehr Reizvolles zu bieten: Felsen, die man beklettern kann.





Am nächsten Tag geht es am Vormittag weiter durch den Canale de Ile de Batz, die Meerenge zwischen Roscoff und der vorgelagerten Insel.

Um die Mittagszeit setzen wir den Gennaker, der Wind frischt auf und die Strömung setzt mit uns. Auryn läuft mit 8 kn SOG. Die Einfahrt nach Aber Wrac´H ist mit Klippen und Untiefen gespickt und von Muschelbänken gesäumt. „Aber“ sind von den Gezeitenströmen geprägte Flussmündungen die weit ins Landesinnere reichen, ähnlich den Fjorden in Norwegen.





Ich eile 4 Kilometer weit ins übernächste Dorf zum Supermarkt und ergänze unsere Bordvorräte. Ich verkalkuliere mich natürlich, kaufe mehr als beabsichtigt und schleppe alles den ganzen Weg zurück zum Hafen, inklusive eines 5-Liter-Kanisters Weißwein, mehrere Tetrapaks mit Milch und Apfelsaft sowie einer Wassermelone. Immerhin – geht es bergab.
Wir liegen als zweites Boot im Päckchen an der Marie aus Cuxhaven. Unsere Nachbarn wollen am nächsten Morgen um 7 Uhr los, also stehen wir mit auf, legen ab und wieder an und werden dafür mit einem tollen Sonnenaufgang belohnt. Wir frühstücken am nahe gelegenen Strand bevor wir um die Mittagszeit auch ablegen.

Heute verlassen wir den englischen Kanal und biegen in den Atlantik ein. Viele Yachten segeln mit uns und haben wie wir den Gennaker gesetzt. Der atlantische Ozean empfängt uns mit Nebel, aber auch mit frischem Wind. Unsere auserwählte Ankerbucht können wir hart am Wind gerade so anliegen bis es plötzlich knallt und unser Kicker plötzlich lose unter dem Baum hängt. Eine Schraube an der unteren Befestigung ist gebrochen und bei der notdürftigen Reparatur fallen Thomas noch zwei weitere aus der baumseitigen Verankerung des Kickers entgegen. Wir bergen zerknirscht das Großsegel.






Wir ankern mit zwei anderen Yachten vor dem Plage de Tregana. Als der Anker eingefahren ist messen wir bereits 6 BFT.
Schon seit einiger Zeit gibt es kein richtiges Brot mehr zu kaufen, hier setzen wir nun zum ersten Mal auf dieser Reise einen Teig an, unseren Sauerteig haben wir seit Stralsund an Bord.

Am nächsten Tag backen wir zwei Brote und sind vom Ergebnis ganz angetan.

Wir holen den Anker auf und motoren gegen einen schwachen Ostwind durch die Rade de Brest bis nach Brest. Wir entscheiden uns für die Marina Port du Moulin Blanc. Leider ist sie ziemlich weit vom Stadtzentrum entfernt, aber es gibt hier eine Vielzahl von Schiffsausrüstern, Riggbauern und Motorenwerkstätten. Bei Bruno im Brest Marine Service werden wir fündig. Nachdem wir unser Problem beschrieben haben wühlt er in einem Sammelsurium von kleinen und großen Tüten und fördert unseren Simmerring zutage. Zurück auf Auryn baut Thomas die Wasserpumpe aus und zerlegt sie mutig in all ihre Einzelteile. Der Ring passt und die Pumpe bekommt gleich noch einen neuen Impeller spendiert. Ein Probelauf ergibt: Nichts tropft mehr. Die gebrochene Schraube am Kicker wird ersetzt, den Baumbeschlag nieten wir an.







Auch zwei große Maschinen Wäsche werden gewaschen. Auryn duftet wie eine Frühlingswiese.


Am nächsten Tag schauen wir nochmal bei Bruno rein und kaufen einen weiteren Simmerring als Reserve. Man weiß ja nie. Nebenan beim Ausrüster Uship (vermutlich das französische Pendant zum SVB) kaufen wir eine neue Ankerkralle sowie weitere Köder für unsere Angelprojekte. Eine kurze Recherche ergab dass man mit Sandaalimitaten Meerforellen fängt.


Es steht ein größerer Lebensmitteleinkauf an. Daher räumen wir die komplette Backskiste aus um an unseren faltbaren Bollerwagen zu kommen – ein anstrengendes und zeitaufwendiges Unterfangen. Als der Wagen endlich am Steg steht muss alles wieder eingeräumt werden. Und natürlich muss das ganze Prozedere wiederholt werden als wir vom Einkaufen wieder zurück sind und der Wagen wieder ganz unten in der Backskiste verschwinden soll.


Hier in der Marina treffen wir das erste andere Schiff mit Kindern. Die Segelyacht IO aus Stralsund mit ihrer 5-köpfigen FamilienCrew ist auf einer Atlantikrunde, also werden wir uns bestimmt noch das ein oder andere Mal treffen – bis in die Karibik segeln wir die gleiche Strecke. Wir tauschen MMSI und Handynummern aus.
Hier hören wir leider auch zum ersten Mal von der jüngsten Serie von Orcaattacken auf Segelboote. Eine Schule interagierte vor der Küste Nordspaniens zwischen Galizien und Asturien mit 5 Segelbooten, vor Riabadeo ist eine Yacht gesunken und die restlichen mussten teilweise manövrierunfähig in die umliegenden Häfen geschleppt werden. Das Thema beschäftigt uns Alle die wir auf dem Weg nach Süden sind. Wie kann man eine Begenung vermeiden? Manche erwägen umzukehren, es wird diskutiert wer welche Abwehrmaßnahmen getroffen hat und welche Strategien bei der Routenplanung sinnvoll erscheinen.
Am folgenden Tag füllen wir den Dieseltank auf und segeln die kurze Etappe zur Halbinsel Crozon, nach Camaret sur Mer. Um 16 Uhr fällt der Anker neben einem Bojenfeld, am nächsten Morgen verlegen wir in den Hafen Port Vauban.















Vorbei am Cimetière de Bateaux, dem Schiffsfriedhof, wandern wir zum Plage de Pen-Hat, über dem die beeindruckende Ruine des Herrenhauses von Saint-Pol Roux Manor thront. Wir bestaunen die Steinreihen von Lagatjar. An vielen Orten in der Bretagne gibt es diese Menhire, in der Jungsteinzeit von Menschenhand aufgerichtete Steine aus weißem Quarzit, die vermutlich als religiöse Kultstätten und astronomische Kalender dienten. Und wir erkunden das bezaubende Fischerdörfchen Camaret sur Mer. Schon immer waren hier viele Schriftsteller und Künstler angesiedelt, überall in den Gassen gibt es versteckte kleine Ateliers und Galerien.

Am Steg lernen wir die Crew der Puffin aus Hamburg kennen die mit ihrem anderthalbjährigen Sohn auf dem Weg ins Mittelmeer ist. Auch hier sind die Orcas Thema. Wir tauschen Handynummern und versprechen in Kontakt zu bleiben, vielleicht treffen wir uns an der spanischen oder portugisischen Küste noch einmal.

Wir wollen von hier über die Biskaya ablegen. Am Montag um 12 Uhr, nachdem wir nochmal zwei Brote gebacken haben, verabschieden wir uns und legen ab. Frankreich verschwindet in unserem Kielwasser. Wir rechnen mit 3 bis 4 Tagen für die Überfahrt.
