Für die Überfahrt von Calais nach Dover haben wir 6 Stunden gebraucht. Über Funk rufen wir Port Information Dover VTS und werden in den Hafen eingewiesen. Wir bekommen einen Liegeplatz zugeteilt und werden sogar informiert auf welcher Seite wir Leinen und Fender fürs Anlegemanöver vorbereiten müssen. Wir statten dem Hafenmeister einen kurzen Besuch ab und werden mit vielen nützlichen Tipps für unseren Aufenthalt bedacht.


Nach einer kleinen Stärkung machen wir uns auf den Weg durch den Ort und an den Aufstieg zum Dover Castle und von da aus weiter in die White Cliffs of Dover. Wir wandern ca 8 km immer an der Abbruchkante entlang bis zum South Foreland Lighthouse. Wir kommen pünklich zur Teatime an, im Leuchtturm gibt es einen kleinen Tearoom der draussen auf der Wiese den Tee ganz stilvoll auf einem Silbertablett in Porzellankannen serviert.













Auf dem Rückweg kommen wir am legendären White Horse Pub vorbei, unser Hafenmeister hat uns berichtet dass sich jeder, der den Ärmelkanal aus eigener Kraft überquert hat, dort drinnen an der Wand verewigen darf.

Am nächsten Tag geht es Mittag weiter, wir wollen vorankommen da fürs Wochenende Starkwind vorhergesagt ist, ausserdem erscheint uns die Dover Marina recht teuer – es soll die günstigste an der englischen Küste bleiben… Unser Ziel ist die Isle of Wight.

Im Licht der tiefstehenden Abendsonne passieren wir Beachy Head – mit 162 m Höhe Großbritanniens höchste Kreideklippen – mit dem gleichnamigen Beachy Head Lighthouse. Auryn donnert mit Wind und Strom an dem beeindruckenden Kap vorbei, wir lesen am Plotter knapp 10 kn über Grund ab. Nach Westen schließt sich die geschwungene Küstenformation der Seven Sisters an.




Hier frischt der Wind deutlich auf, viel eher und auch viel mehr als vorhergesagt. Wir reffen immer weiter, das Messgerät zeigt schon 30 kn Wind an, in Böen häufig 35 kn. Es ist zudem mittlerweile stockfinster. Wir beschließen doch nicht durch die Nacht bis zu unserem uspünglichen Ziel Portsmouth zu fahren, direkt vor uns tauchen die Lichter von Brighton auf. Die Einfahrt zur Marina ist schmal und gewunden, wir versuchen den Hafenmeister über Funk zu erreichen, jedoch ohne Erfolg. Kurzerhand probieren wir die angegebene Handynummer und tatsächlich geht jemand ran. Nach einigem Hin und Her am Telefon – wir wollen wissen ob die Einfahrt bei so viel Wind und bei dem aktuellen Wasserstand gefahrlos möglich ist – beschließen wir Brighton Marina anzulaufen. Vor dem Lichtermeer der Stadt ist die Einfahrt schwer zu erkennen obwohl alle Tonnen befeuert sind. Wir fahren so langsam wie es eben geht, der Wind schiebt ordentlich. Schließlich können wir die Kennung der Betonnung auszählen und uns orientieren. Die Einfahrt ist eng, Thomas steht mit dem Scheinwerfer am Bug. Keine zwei Meter neben uns an backbord taucht plötzlich die riesige Hafenmole aus der Dunkelheit auf. Wir fahren vorsichtig an der hoch aufragenden Betonpier entlang bis wir das Hafenbecken erreichen. Wir drehen ein paar enge Kreise bis Fender und Leinen klar sind, dann steuern wir den ersten freien Liegeplatz an. Am Steg kommt ein Mann mit einer Taschenlampe angerannt und schaut uns erschrocken an, wir sind froh und dankbar für die Hilfe denn der Wind heult immer stärker. Mit vereinten Kräften machen wir längs am Steg fest. Um kurz vor Mitternacht, als die letzten Leinen belegt sind und wir uns erleichtert in die Arme fallen bricht in ganz Brighton ein ohrenbetäubender Jubel los, Applaus brandet auf. Wir sind ganz gerührt, stellen dann aber fest dass der gar nicht uns gilt – England hat das Halbfinale erreicht.
Wir schlafen bis zum späten Vormittag. melden uns dann in der Marina an und machen uns direkt im Anschluss auf den Weg nach Brighton. Die Marina liegt etwas ausserhalb und wir wandern die Promenade entlang Richtung Palace Pier und Innenstadt. Wir erkunden die quirlige St. James Street mit ihren unzähligen Pubs, Bars und kleinen Boutiquen. Der Royal Pavilion, eine frühere königliche Sommerresidenz, ist ein beeindruckendes Bauwerk. Im dazugehörigen Garten sind die Rasenflächen von picknickenden Menschen bevölkert, unter dem Schatten einiger Bäume spielt ein Orchester.











Brighton ist bezaubernd – dieser angestaubte Charme einer vergangenen Epoche, der verblassende Luxus der goldenen Zwanziger Jahre. Der faszinierender Mix aus Dekadenz und Verfall in einer pulsierend lebendigen Sadt berührt mich.
Am nächsten Tag ist Badetag. Es ist immernoch sehr stürmisch, und nachdem ich Thomas`Hut zum dritten Mal aus den Fluten des englischen Kanals geborgen habe (man kann barfuss nur sehr schlecht über grobe Kiesel rennen) schlendern wir zurück zum Schiff. Am Nachmittag erledigen wir noch den Einkauf.

Der Wind lässt nach und wir bereiten uns für den Aufbruch vor. Stegnachbarn empfehlen uns die Marina Buckler´s Hard in der Mündung des Beaulieu River. Gesagt, getan.

Ich bin sehr gespannt auf den Solent, es ist DAS englische Segelmekka. In der Stadt Cowes auf der Isle of Wight schlägt das historische Herz der britischen Yachting-Szene. Jährlich findet hier die Cowes Week Regatta statt und zieht tausende Segler an. Auch das berühmte Fastnet Race startet hier.
Unsere Einfahrt in den Solent ist ernüchternd. Ein riesiger Frachter kommt uns entgegen und beschleunigt stark. Er schiebt zwei gigantische Bugwellen vor sich her die seitlich auf uns zurollen. Ausweichen können wir nicht, wir starten den Motor um mit Fahrt dagegen zuhalten. Die Wellen sind bestimmt 2,5 Meter hoch und extrem steil weil sie kurz hintereinander kommen. Die erste Welle hebt Auryns Bug an, ich sehe nur noch Himmel. Dann stürzen wir ins Wellental und die zweite Welle überrollt uns. Auryn taucht bis zum Mast ein. Gischt und Wasser fliegen bis aufs Achterdeck. Danach ist sofort glattes Wasser, als wäre nichts gewesen. Wir müssen uns erstmal sammeln, haben aber alles unbeschadet überstanden. Keine zwei Minuten später ruft Solent Coastguard über Funk MayDay: zwei Personen sind aus einem Schlauchboot gestürzt und treiben im Wasser.
Wir segeln langsam weiter, hier ist wirklich viel los. Der Solent ist gesäumt von unzähligen großen und kleinen Marinas und Häfen, in jeder noch so kleinen Bucht liegen Segelboote in allen Größen, neu und alt, top gepflegt und mache auch ziemlich verwahrlost, aber ich glaube wirklich jeder hier besitzt ein Boot. Auf dem Wasser flitzen zwischen den Yachten überall Jetskis und kleine Motorboote umher und zwischen Festland und Insel sind dauernd Fähren unterwegs. Dazu noch die Großschiffahrt von und nach Southampton – später bittet uns die Küstenwache noch einmal nach Süden auszuweichen um Platz für das Wendemanöver eines Tankers zu machen. Und natürlich starke Strömungen und stattliche Tidenhübe, die das Navigieren anspruchsvoll machen. Es ist ein wirklich herausforderndes Revier.
Wir bummeln weiter bis zu unserer Flussmündung, wir können sowieso erst drei Stunden nach Niedrigwasser hinein da sonst die Wassertiefe nicht ausreicht. Bei der Einfahrt sind es an der Barre 2,70 m.
Den Hafenmeister erreichen wir über Funk nicht, also nehmen wir die erstbeste Visitorbuoy. Viele andere Segeljachten liegen wie auf eine Perlenschnur gereiht in dem mäandernden Fluss, die Sonne geht unter, es ist wirklich malerisch. Der Wind nimmt zu, aber wir liegen sicher an unserer Boje. Unser Ankerlicht machen wir an, aber den Ankeralarm nicht – die Boje hängt an einem schweren Gewicht auf dem Grund des Flusses und ist sicher. Sorglos gehen wir schlafen.

Irgendwann in der Nacht (es ist 2.30 Uhr) meine ich Stimmen zu hören. Plötzlich springt Thomas aus dem Bett, jetzt ist es deutlich: jemand ruft uns. Wir stürzen nach draussen, Thomas nur im Shirt, ich in Unterwäsche. Es ist pechschwarze Nacht, jemand hält eine Taschenlampe in der Hand. Unser Bojennachbar, aber wieso ist er so nah? „You´re drifting. You lost your bouy.“ informiert er uns sachlich und unaufgeregt, da treiben wir auch schon an ihm vorbei. Dann geht alles ganz schnell: Thomas rennt nach vorne, leuchtet – tatsächlich, die Boje ist fort, wir treiben durch das Feld der Yachten hindurch. Ich schmeiße den Motor an. Wir leuchten die nähere Umgebung ab, überall unbeleuchtete Schiffe im Dunkel, zum Teil sehr nah. Ein Ankerlicht hat hier niemand an. Es dauert quälend lange Sekunden bis die Seekarte auf dem Plotter erscheint und nochmal eine gefühlte Ewigkeit bis wir uns wieder einigermaßen orientieren können. Im Licht unseres Scheinwerfers fahren wir vorsichtig ins freie Fahrwasser und plötzlich sehe ich steuerbord voraus unsere weiße Boje im Lichtkegel. Trotz des vielen Windes und der Dunkelheit sowie des Umstandes das Thomas keine Brille auf hat und kaum etwas sieht, erwischen wir die Boje gleich im ersten Versuch. Wie konnte das nur passieren? Die Boje ist an Ort und Stelle und intakt, die Schlaufe an der man festmacht auch. Durch den starken Wind und die Änderung der Strömungsrichtung durch die Gezeiten hat sich unser Bojenhaken unter Last verkantet und geöffnet. Unglaublich. Was uns aus dem Klettersport als Risiko durchaus bekannt ist – das sich ein Seil über die Klinke eines Karabiners legen und bei falscher Belastungsrichtung diesen versehentlich öffnen und so das Seil ausklinken kann – hatten wir hier überhaupt nicht auf dem Schirm. Wir ziehen eine Leine durch die Schlaufe und belegen auf beiden Bugklampen. Wir schalten den Ankeralarm ein – nie wieder ohne!!! Lange liegen wir noch wach und sind fassungslos darüber wie viel Glück wir hatten dass unser wachsamer Nachbar mitbekommen hat das etwas nicht stimmt.
Am nächsten Morgen erscheint der Hafenmeister am Schiff. Für die Nacht an der Boje berappen wir 30 Pfund…
Durch den westichen Ausgang des Solent geht es mit einer starken Strömung an The Needles vorbei.


Über den Flachs brodelt die See. Als wir durch sind legen wir Kurs ab auf Poole. Wir liegen über Nacht in der Parkstone Marina. Am nächsten Morgen geht es beizeiten weiter. Wir segeln die Jurassic Coast entlang, bestaunen Old Harry´s Rocks und runden Durlston Head und St. Aldhelms Head. Hier haben wir starken Gegenstrom, mit nur 1,5 kn über Grund ziehen wir im Schneckentempo an den schönen Felsformationen der Kaps vorbei. Dann kippt die Tide und wir segeln flott bis Portland.


Die Isle of Portland in Dorset ist über Chesil Beach,eine schmale natürliche Landbrücke mit dem Festland verbunden und daher eigentlich eine Halbinsel. Sie ist Teil der Jurrasic Coast die 2001 von der UNESCO in das Weltnaturerbe aufgenommen wurde.
Wir wandern durch den Ort Fortuneswell zum höchsten Punkt Portlands. Hier stehen die Memory Stones, ein moderner Steinkreis aus 12 riesigen, insgesamt 250 Tonnen schweren Portland-Kalksteinen. Erschaffen wurden er von der Künstlerin Hannah Sofaer. Der Durchmesser des Kreises beträgt 20 Meter und die Steine sind exakt nach dem Sonnenstand ausgerichtet, um den Frühlings – und Herbstanfang sowie die Sommer – und Wintersonnenwende durch wandernde Schatten zu markieren.






Von hier laufen wir durch den Tout Quarry Sculpture Park, einen stillgelegten Steinbruch der seit 1983 in einen Skulpturenpark und ein Naturschutzgebiet umgewandelt wurde. Man kann über 60 mehr oder weniger versteckte Skulpturen bewundern.

Portland ist auch unser Abschied von der südenglischen Küste. Uns hat es sehr gut gefallen. Von den abwechslungsreichen Landschaften über die pittoresken Dörfer und mondänen Badeorte bis hin zu den Menschen, die hier zuhause sind. Das britische Understatement, die Zurückhaltung, Höflichkeit und Hilfsbereitschaft die hier überall an den Tag gelegt werden und den trockenen englischen Humor fanden wir sehr angenehm.

