Zeebrügge – Nieuwpoort – Calais

Zwei Stunden nach Hochwasser laufen wir mit dem ablaufenden Wasser von Zeebrügge aus. Der Wind weht sehr flau aus Nordost, aber eine alte Dünung steht – das heißt die Wellen sind noch recht hoch da es in den letzten Tagen mehr Wind gab. Wir segeln die ganze Nacht hindurch unter Groß und ausgebaumter Genua, bis in den Morgenstunden die Tide kentert.

Der Wind weht immer noch schwach und es ist darum wenig sinnvoll weiterzusegeln, die Gegenströmung ist zu stark. Wir laufen um 4 Uhr früh Nieuwpoort an und machen für ein paar Stunden fest bis die Strömung wieder passt. Wir fallen in die Betten und schlafen bis 9 Uhr, trinken einen Kaffee und brechen wieder auf.

Mit uns fahren unzählige andere Yachten los, alle nach Westen. Unser Ziel für heute ist Calais. Eigentlich wollten wir ja nach Dunkerque, aber es läuft gerade so gut – wieder passen Kurs und Wind toll zusammen und wir können den Gennaker setzen. Es geht richtig flott voran. Wir holen die belgische Gastlandflagge nieder. Ab jetzt weht die französische Trikolore unter unserer Steuerbordsaling.

Am Nachmittag erreichen wir Calais. Der Yachthafen ist durch eine Schleuse von den restlichen Hafenanlagen getrennt, so dass die Liegeplätze für Sportboote weitgehend tideunabhängig sind – man kann aber nur um Hochwasser herum hinein fahren. Da wir uns in Calais nicht lange aufhalten wollen, machen wir an einer der Bojen vor der Marina fest.

Wir machen klar Schiff, spielen und basteln noch ein bisschen, sitzen im Cockpit und beobachten das Treiben um uns herum.

Am nächsten Tag steht Organisatorisches auf dem Plan – wir beantragen die ETA für Großbritannien. Die Bestätigung der elektronischen Reisegenehmigung kann bis zu 3 Tage in Anspruch nehmen. Wir füllen die Anträge online aus – 5 Minuten später erhalten wir per Mail die Genehmigung. Wir dürfen ins vereinigte Königreich einreisen. Die Genehmigung gilt für zwei Jahre und wir dürfen 6 Monate am Stück im Land sein. Doch das ist nicht alles, auch Auryn braucht eine Genehmigung, den sogenannten Pleasure Craft Report. Auch dieser Antrag wird uns innerhalb von Minuten bestätigt.

Überwältigt von so vielen Erfolgserlebnissen nehmen wir gleich das nächste Projekt erstmalig auf dieser Reise in Angriff – wir bauen Artax auf und lassen ihn zu Wasser. Nachdem die Probefahrt durchs Hafenbecken zufriedenstellend verlaufen ist steigt der Rest der Crew zu. Es gibt einen Anlegesteg für Dinghys, dort machen wir fest.

Unser erster Weg führt uns zum Hafenmeister. Schon über Funk haben wir beim zuständigen Hafenamt nach den Ausreisemodalitäten aus der EU gefragt und möchten das gerne nochmal bestätigt haben. Einfach losfahren und über VHF 17 Bescheid geben erscheint uns sehr einfach. Kann das wirklich sein?

Dann schlendern wir ein bisschen durch die Stadt und kaufen etwas ein. Na klar – Wein, Käse und Baguette. Auf dem Rückweg spielen wir im Wasser des Brunnens auf dem Place d´Armes bis selbst unsere Tochter sagt dass sie jetzt gerne zurück zu Auryn möchte…

Ein Blick in die Strömungstabellen, den Tidenkalender und die Windvorhersagen ergibt, dass wir morgen früh um 5 Uhr Richtung Dover ablegen werden. Wir machen Kartoffelpuffer zum Abendbrot, genießen den warmen Abend im Cockpit und die ausgelassene Stimmung um den Hafen herum.

Am nächsten morgen verlassen wir um 5:30 Uhr unsere Boje, melden uns über Funk bei CalaisPort ab und gratulieren zum erreichten Halbfinale.

Unter Genaker und Großsegel segeln wir die ca 25 Seemeilen. Wir haben überhaupt nicht damit gerechnet das wir im englischen Kanal unser großes Leichtwindsegel so oft setzen können und sind entsprechend begeistert. Wir passen sehr gut auf, es geht zu wie auf der Autobahn. Die DoverStrait ist eine der am Meisten befahrenen natürlichen Wasserstraßen der Welt – täglich passieren etwa 400 Schiffe. Wir überqueren ein riesiges Verkehrstrennungsgebiet, werden mehrmals über Funk gerufen und segeln etliche Ausweichmanöver um der Berufsschifffahrt nicht zu nahe zu kommen. Neugierig spähen wir natürlich auch auf die White Cliffs of Dover – eine neue Küste ist immer aufregend und diese ist besonders spektakulär. Die strahlend weißen, stellenweise über 100 Meter hohen Klippen sind im Licht der Morgensonne wunderschön anzuschauen.

Ich setze die britische Gastlandflagge – die Red Ensign – und zum ersten Mal auf unserer Reise auch die gelbe Q-Flagge. Mit ihr zeigen wir an dass an Bord alle gesund sind und bitten um freie Verkehrserlaubnis in ausländischen Gewässern und Häfen. We are now leaving the EU…

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