Von Baiona starten wir im ersten Büchsenlicht um gut Meilen zu machen. In den Mittagsstunden flattert unter unserer Steuerbordsaling eine neue Gastlandflagge: Wir sind in Portugal!! Die portugiesishe Küste unterscheidet sich stark von Spaniens Norden. Sie ist glatt und gerade und bietet wenig Schutz. Im Gegensatz zu Galicien gibt es wenig Möglichkeiten zu ankern, und auch die Häfen sind eher dünn gesät, was für uns bedeutet das wir immer möglichst früh starten um bei Tageslicht weit zu kommen. Wir mögen hier nicht nachts fahren. Zudem liegen die Häfen meist in Flussmündungen und werden daher bei ungünstigen Bedingungen – hohen Wellen, Schwell, starker Strömung und starkem Wind – geschlossen. Eine sogenannte Barre, eine Sandbank in der Einfahrt, macht die Ansteuerung speziell für Segelschiffe mit viel Tiefgang und relativ schwacher Motorisierung oft gefährlich.


Nach 8 Stunden Fahrt erreichen wir Povoa de Varzim. Unser erklärtes Ziel war eigentlich Vaiana do Castelo, aber wie das immer so ist mit den Plänen der Segler: Sie werden in den Sand geschrieben, bei Ebbe. Oft genug kommen wir nicht so weit wie erhofft, diesmal waren Wind und Wellen geradezu eine Einladung zum Weitersegeln. Die Zeit auf See haben wir gut genutzt. Der Wassermacher hat uns mit frischem Trinkwasser versorgt und es ist eine etliche Punkte umfassende Liste entstanden, was an Bord bei Gelegenheit so alles zu erledigen wäre.
Die Marina ist zu zwei Dritteln leer und augenscheinlich sehr neu, ein Mitarbeiter kommt im Dinghy längsseits und bietet mir an mich direkt zum Büro des Hafenmeisters zu fahren, aber der Rest der Crew hat sich schon auf den Weg gemacht um einzuchecken. Thomas und Irma werden sogar vom Büro im Auto zurück zum Boot chauffiert – was für ein Service.
Von Povoa de Varzim fahren wir trotzdem am nächsten Morgen zeitig weiter, obwohl der nette Hafenmitarbeiter uns vehement auf die sehr sehenswerte Stadt hinweist. Wir wollen die Zeit nutzen in der der Wind noch günstig für uns weht, die Vorhersagen verheißen nichts Gutes.
Die nächste Etappe ist kurz, nur 12 Seemeilen segeln wir bis zum Porto do Leixoes. Auf den ersten Blick ist der größte künstliche Hafen Portugals wenig einladend. Ungefähr 10 Kilometer nordwestlich des Stadtzentrums von Porto gelegen, deren wichtigster Umschlagplatz er ist. Er beherbergt ausserdem einen großen Fischereihafen, welcher der Wichtigste Sardinenhafen des Landes ist und der Größte in der Küstenschleppnetzfischerei.


Ausserdem fällt das 2015 erbaute, markante Kreuzfahrtterminal ins Auge, in dem auch der Wissenschafts- und Technologiepark des Meeres (Centro Interdisciplinar de Investigacao Marinha e Ambiental(CIIMAR)) der Universität Porto untergebracht ist.

Ganz in der nördlichen Ecke des riesigen Komplexes befindet sich die Marina Porto Atlantico, welche uns herzlich empfängt. Auf die Frage, wie lange wir bleiben möchten, antworten wir: einen Tag mindestens, vermutich aber zwei – schließlich möchten wir uns Porto anschauen und die Verbindung von hier in das kulturelle und wirtschaftliche Zentrum Nordportugals ist hervorragend.
Nachdem wir noch an einen anderen Liegeplatz verlegt haben, vertreten wir uns bei einem kurzen Spaziergang die Beine – auf unserer Seite des Hafenkomplexes liegt der Ort Leca da Palmeira. An dem von Felsen durchsetzten Strand befinden sich die Piscinas das Mares – eine Poolanlage die in den 60er Jahren nach Plänen des Architekten Alvaro Siza Vieira nahtlos in die Felsen der Atlantikküste eingebettet wurde und regelmäßig von der tosenden Brandung überspült wird, aber dennoch geschütztes Badevergnügen ermöglicht.

Sofort fallen die gekachelten Fassaden der Häuser auf – typisch für Portugal, mal sehr einfach, oft aber auch in aufwändigen Mustern angeordnet.



Am nächsten Morgen machen wir uns auf nach Porto. Die Metro bringt uns in weniger als einer halben Stunde in das Herz der barocken Stadt. Stundenlang bummeln wir durch das Altstadtviertel Ribeira am Ufer des Douro. Wir bestaunen die wunderschön geflieste Vorhalle de Bahnhofes Sao Bento, und natürlich die doppelstöckige Bogenbrücke Ponte Dom Luis I (1886) die dem Stil des Eiffelturmes ähnelt und daher fälschlicherweise oft Eiffel zugeschieben wird, aber von seinem Partner Theophile Seyrig entworfen wurde.








Am nächsten Morgen ist an Weiterfahren nicht zu denken – hohe Wellen und gar kein Wind sind eine unbequeme Konstellation. Also bleiben wir und bezahlen im Marinabüro eine weitere Übernachtung. Wir wandern bis zum Farol de Leca, statten dem örtlichen Supermarkt einen Besuch ab und schlendern durch Palmeira, welches etwas verlassen wirkt. Es gibt viele Bars die offensichtlich für Surfer ausgelegt sind, aber die Saison der richtig hohen Wellen beginnt erst im November und so hat Vieles noch geschlossen. Am Strand sind derweil in den brechenden Wellen schon einige Surfbegeisterte unterwegs.

Am nächsten Tag ist an ein Weiterkommen erst recht nicht zu denken – der Wind heult mit 40 Knoten aus Süd an der Küste entlang, immer wieder ziehen Gewitter durch. Hagelkörner groß wie Weintrauben hämmern aufs Deck. In der Nacht gab es einen Blitzeinschlag in der Nähe und der Strom an unserem Steg ist ausgefallen. Thomas bringt im Sturm weitere Leinen aus, wir haben den Wind von der Seite und unser Fingersteg ächzt zum Herzerweichen. Bei dem Boot auf der anderen Seite des Steges haben sich die Fender bereits verabschiedet und jedes Mal wenn der blanke Rumpf auf den Steg gedrückt wird lässt uns das Geräusch zusammenschaudern. Wir versuchen die Fender höher zu binden weil nebenan niemand an Bord ist aber bei dem Wind und den Wellen die in den Hafen rollen und sogar im Hafenbecken brechen ist das unmöglich. Die Hafenmeisterin nickt verständnisvoll, als wir eine weitere Nacht buchen – vielleicht fahren wir morgen weiter, wenn das Wetter passt. Sie lächelt.

Am späten Nachmittag stürzt im Sturm unsere Wlan-Antenne ab. Sie versagt fortan ihren Dienst und ist auch nicht wiederzubeleben. Was liegt also näher, als am nächsten Morgen im strömenden Regen zur Bushaltestelle zu laufen und in ein Shoppingcenter mit Elektronikfachmarkt am Rande der Stadt zu fahren, nicht ohne die langen Klamotten wieder rausgeholt zu haben die bereits tief unter der Heckkoje verstaut waren – schließlich sind wir ja auf dem Weg in den Süden. Zuvor haben wir natürlich unsere Hafenmeisterin informiert, das wir unsere Weiterreise verschieben müssen – sie nickt und lächelt.



Durchnässt, aber mit neuer Antenne sind wir zurück am Schiff. Zumindest sollen Regen und Hagel in den nächsten Tagen nachlassen. Wir suchen die Heizung hervor, langsam wird alles feucht unter Deck.
Grund dieser Wetterlage ist ein Tiefdrucksystem, welches über dem Atlantik wirbelt und auf den Satellitenbildern schon fast wie ein tropischer Hurrikan anmutet. Und das beschert der spanischen und portugiesischen Küste im Moment kräftigen Regen, Gewitter mit ruppige Böen und aufgewühlte See mit ungewöhnlich hohen Wellen.

Am nächten Morgen betreten wir das Marinabüro – „one night more?“ fragt unsere Hafenmeisterin. Wir nicken.
Die Erkundung von Matosinhos steht ja noch aus. Auf der südlichen Seite des Hafenkomplexes gelegen, ist der Ort deutlicher touristischer als unser beschauliches Leca de Palmeira. Das liegt wohl daran, dass sich hier das Kreuzfahrtterminal befindet und hier beinahe täglich Schiffe anlegen die tausende Kreuzfahrer an Land bringen. An der Waterfront reiht sich ein Restaurant an das Andere. Menschenmengen bewegen sich vom Hafen zu bereitstehenden Bussen um für ein paar Stunden ins nahegelegene Porto zu fahren.
Wir trödeln am Strand entlang, beobachten wie unser tägliches Gewitter über dem atlantischen Ozean vorüber zieht, stöbern in den Gassen umher. Bei vielen Häusern sieht das Erdgeschoss erschreckend verfallen aus, währen eine Etage höher alles neu renoviert erscheint. Zwischendurch fallen immer wieder völlig verfallene Häuser auf.

Wir sind auf jeden Fall gut versorgt. Unser Mercado hält einige Köstlichkeiten für uns bereit.



Am nächsten Morgen sieht es gut aus, wir wollen unbedingt weiter – wir schmeißen die Leinen los. Wenig Wind ist angesagt, mit etwas Motorunterstützung sollten wir weiter nach Süden kommen. Nur wenige Minuten nachdem wir den großen Vorhafen verlassen haben ist klar, das wird nichts. Die Wellen sind hoch, bestimmt 2,5 Meter und kommen genau seitlich. Auryn rollt schwer in der See, es fehlt Winddruck im Segel und wir können uns im Sitzen kaum halten. Luigi quält sich hörbar in den hohen Wellen. Nach kurzer Beratung lege ich zerknirscht das Ruder um. Leixoes – wir kommen. Wir machen fest und begeben uns zum Einchecken ins Büro der Hafenmeisterin. Sie schaut auf, unsere Blicke treffen sich. Sie nickt wissend und fragt: „one night more?“
Wir legen einen Strandtag ein, diskutieren das Für und Wider des Segelns an sich und kommen Überein, dass es Morgen bestimmt besser wird.



Am Steg suchen wir das Gespräch mit anderen Gastliegern. Alle warten irgendwie auf bessere Bedingungen, das beruhigt uns einigermaßen. Der Wind hat deutlich nachgelassen und weht noch schwach aus Süd – da wollen wir hin. Problematisch sind nach wie vor die hohen Wellen, die zum wenigen Wind nicht passen.
Und so geben wir auch am Morgen darauf gut gelaunt Bescheid, dass wir noch eine, vielleicht zwei Nächte bleiben werden.
Wir fahren noch einmal nach Porto und erkunden ausgiebig das südlich Ufer des Douro. Hier befinden sich all die berühmten Portweinkellereien und an jeder Ecke gibt es tolle Straßenkunst zu entdecken, teilweise ganz versteckt und nur wenn man genau hinschaut. Wir besuchen den großen Freiluftmarkt Bolhao. Mit einer Flasche Portwein unter dem Arm kommen wir glücklich nach Hause und sind ganz euphorisch – morgen soll es weiter gehen, die Vorhersage ist gut. Sie wird getrübt durch die 4 jüngsten Orcaattacken – 5 Seemeilen vor unserer Hafeneinfahrt wurde ein Segelboot attackiert und in unseren Hafen geschleppt, wenige Stunden später ein zweites etwas weiter nördlich. In den folgenden zwei Tagen werden weitere Atacken bekannt, immer etwas weiter im Norden. Viele Crews die wir unterwegs kennengelernt haben segeln gerade dort. Wir machen uns Sorgen.








Am Morgen sind wir ernüchtert – über Nacht wurde die Vorhersage korrigiert, heute gibts zu den immernoch stattlichen Wellen zu wenig Wind. Macht nix – seit einer Woche machen wir Auryn jeden Abend klar zum Auslaufen, wir haben also mittlerweile Übung.

Wir packen Handtücher und Sandspielzeug ein und marschieren zum Strand der glücklicherweise nur drei Minuten entfernt ist. Wortlos zückt unsere Hafenmeisterin das Kartenlesegerät, als wir die Köpfe ins Büro strecken.
Wir verabreden uns noch mit zwei anderen Crews zum abendlichen Rum trinken – irgendwann muss der erhoffte Portugalpassat ja mal wieder einsetzen. Uns ist mittlerweile fast jedes Mittel recht um Rasmus günstig zu stimmen.
Am Sonntag, dem 30. August passt endlich alles und wir starten Richtung Süden.
