Von der Enseade de Mera führt unsere Reise uns weiter entlang der Costa da Morte. Sie trägt ihren Namen nicht von Ungefähr – ihre raue Felsküste, die gefährlichen Stürme und zahlreichen Schiffbrüche mit vielen auf See Gebliebenen machen sie berüchtigt und gefürchtet. Plötzlich auftretender Nebel, tiefhängende Wolken, unberechenbare Fallböen und starke Kapeffekte machen sie zu einem respekteinflössenden und herausfordernden Segelrevier.

Vorbei an Malpica und den vorgelagerten Illas Sisargas, einem kleinen unbewohnten Archipel segeln wir bis in die Ria de Corme e Laxe. Vor dem kleinen Ort Corme und dem Praia do Osmo fällt am Abend der Anker. Drei andere Segelyachten liegen mit uns hier. Die kleine Bucht ist gut gschützt gegen nördliche Winde und von einem langen Strand und schroffen Felsen gesäumt, am westlichen Ende des Ortes liegt ein malerischer Fischerhafen. Müde kriechen alle in die Laken.

Am nächsten Morgen rudern wir an Land. Nachdem sich die übliche morgendliche Bewölkung aufgelöst hat herrscht eine unglaubliche Hitze. Wir wandern durch den Ort und auf die umliegenden Höhen weil wir einen schönen Platz für ein besonderes Ereignis am Abend suchen: wir erwarten eine totale Sonnenfinsternis. Wir befinden uns knapp am Rande des Kernschattens, den der Mond auf die Erde wirft und der von der Region um A Coruna auf dem Weg zu den Balearen über Spanien hinweg zieht.
Schließlich finden wir an der Küstenstraße von Corme zum Faro do Roncudo einen idyllischen, exponierten Platz mit freier Sicht nach Westen, denn die Sonnenfinsternis soll gegen 19:30 Uhr am Abend beginnen. Eine Wiese, tolle Klippen und zwei Steinbänke – perfekt! Zufrieden mit unserer Entdeckung machen wir uns auf den Weg zum Strand, auf dem Weg dahin versorgen wir uns beim ortsansässigen Lebensmittelhändler noch mit ein paar Leckereien.

Der Strand ist wunderschön, lang und seicht abfallend mit Felsen, kleinen und größeren Grotten und toller Aussicht auf das schönste Segelschiff der Welt.



Am Nachmittag halten wir an Bord noch etwas Siesta und basteln Sonnenfinsternis-Brillen, die waren nämlich in der Apotheke in Corme schon seit Tagen ausverkauft.
Dann packen wir Picknickdecke, Getränke und Snacks ein und rudern an Land.
Schon auf dem Weg zu unserem Beobachtungsplatz werden wir misstrauisch – das halbe Dorf pilgert mit uns die Landstraße entlang, Autos und Wohnmobile wälzen sich in einer langen Schlange die Straße hinauf, E-Bikes überholen uns.


Unser Platz an den Klippen ist zu einem Parkplatz mutiert, die Autos stehen dicht an dicht. Die verbliebenen Zwischenräume sind mit Tischen, Stühlen und Picknickdecken gefüllt, und überall sind Teleskope und sonstige aufwendige Fotoausrüstungen aufgebaut worden. Zwischen zwei Autos finden wir noch einen kleinen Platz für unsere Decke.


Die Stimmung ist toll, alle fiebern dem besonderen Ereignis entgegen. Wir können beobachten wie der Mond beginnt, sich vor die Sonne zu schieben. Dann kommt leider aus Nordosten eine dünne Wolkendecke gezogen und verdeckt das seltene Schauspiel. Finster wird es trotzdem – für ca anderthalb Minuten wird es richtig dunkel, ganz kurz können wir durch die Wolken die schmale verbliebene Sichel der Sonne sehen bevor es wieder hell wird. Für mich ist es ein ergreifender Moment – alle applaudieren als die Sonne die Welt wieder erhellt.

Am nächsten Morgen starten wir bei wenig Wind, es geht vorbei an Camarinas, bis wir am frühen Nachmittag endlich Segel setzen können. Nach nur einer Stunde ist der Wind bereits so stark dass wir reffen müssen, wenige Minuten später wechseln wir vom erste aufs zweite Reff, auch die Genua müssen wir verkleinern. Die Kaps Tourinán und Fisterra runden wir bei bereits 33 Knoten Wind aus Nord/Nordost. Wir biegen in den Ria de Corcubion ein, aber bei soviel Wind erscheint uns der Ankerplatz Enseada de Longosteira nicht geschützt genug, deshalb weichen wir in die Enseada de Sardineiro aus.





Der kleine Weiler Sardineiro de Arriba hat nur etwa 60 Einwohner, verfügt aber über eine Bushaltestelle. Von dieser nehmen wir am nächsten Tag den Bus nach Fisterra und machen uns auf den Weg zum Ende der Welt.

Der Name des Cabo Fisterra leitet sich ab vom lateinischen finis terrae, da man in der Antike und im Mittelalter glaubte, dass an diesem westlichsten Punkt hinter den steilen Klippen und dem weiten atlantischen Ozean kein Land mehr existierte – nur noch das weite, leere Nichts. Das Ende der Welt eben.
Dabei ist das berühmte Kap gar nicht der westlichste Punkt – der westlichste Punkt des spanischen Festlandes ist das 20 Kilometer nördlich gelegene Kap Tourinán, der westlichste Punkt des europäischen Festlandes ist das Cabo da Roca in Protugal. Und die Azoren oder die westlichen Inseln Islands liegen natürlich noch weiter westlich.
Für viele Menschen endet auch der Jakobsweg nicht an der Kathedrale in Santiago de Compostela, sondern sie gehen noch die rund 90 Kilometer bis hierher, wo auch der berühmte „Kilometer 0“ Stein des Camino steht.


Wer auf die Klippen tritt und auf das endlose Wasser blickt, versteht das alte Gefühl vom Ende der Welt sofort.

Leider wird die Stimmung ein wenig getrübt – am Ende der Welt gibt es einen riesigen, asphaltierten Parkplatz auf dem minütlich vollbesetzte Reisebusse eintreffen, einen Wohnmobilstellplatz und ein Hotel mit Restaurant sowie zahlreiche Souvenirläden.
In Fisterra kaufen wir noch etwas Obst und Gemüse und nehmen dann den Bus zurück nach Sardineiro. Schon von den Serpentinen der Landstraße aus sehen wir, das Auryn noch in ihrer Bucht liegt und sind grenzenlos erleichtert. Noch nie haben wir sie so lange vor Anker alleine gelassen. Auch Artax ist noch am Strand.

Am nächsten Tag entscheiden wir uns dagegen, weiter zu segeln. Schon morgens heulen Böen mit 28 Knoten über die Bucht, und die letzten Tage haben gezeigt dass der Wind zum Nachmittag tendenziell auffrischt. Wir bringen an der Ankerkralle eine stärkere Leine an, bauen Ruckfender ein und stecken mehr Kette – 60 Meter sind jetzt draussen. Zum Abend sind bis zu 40 Knoten Wind vorhergesagt. Wahrscheinlich wird es heute Nacht eine Ankerwache im Cockpit geben.


Am nächsten Vormittag verlassen wir dann doch bein 30 Knoten Wind unsere Bucht. Obwohl der Wind aus Nordosten vom Land her weht baut sich eine unangenehme, kurze Welle auf. Zwei Stunden später geht der Wind plötzlich aus, bevor er auf West dreht und sich dann bei Nordwest um 15 Knoten einpegelt.

Vor uns taucht die liebliche Küste der Rias Baixas auf.
