Am 11.September 2026, es ist ein Freitag, werfen wir um 08:30 Uhr in der Marina Oeiras die Leinen los. Direkt vor der Hafeneinfahrt steht eine starke Querströmung. Wir haben ablaufendes Wasser und die Strömung aus der Mündung des Tejo verstärkt diesen Effekt. Als Großsegel und Genua gesetzt sind legen wir beinahe direkten Kurs ab auf Porto Santo, welches zur Inselgruppe Madeira gehört und etwas nordwestlich der Hauptinsel Madeira liegt. Vor uns liegen ca 500 Seemeilen, also etwa 1000 km atlantischer Ozean.

Als die portugiesische Festlandsküste in unserem Kielwasser langsam immer blasser wird, wird uns erst bewusst das wir vermutlich für eine lange Zeit gar kein Festland mehr sehen werden. Die Wellen sind recht hoch, aber durch den Einfluss der starken Strömung sind sie bis weit vor die Küste auch ziemlich kurz und steil. Auryn wird zuerst ordentlich durchgeschüttelt, aber dann setzt sich der Wind durch. Mit guten 25 Knoten raumem Wind und entsprechender Fahrt im Schiff lässt es sich unter diesen Bedingungen ganz gut segeln. Vorhergesagt war weniger Wind, aber dafür sind wir auch ziemlich schnell. Wir haben viele brechende Wellen, und gelegentlich erwischt uns auch mal so ein Brecher am Heck. Es klappert in allen Schränken und wir stopfen alles so gut es geht mit Handtüchern aus um Geschirr und Nerven zu schonen. Im Gegensatz zu vielen anderen Booten segeln wir nämlich mit Porzellan, Glas und Keramik im Geschirrschrank… Einmal steigt eine Welle ins Cockpit ein und Thomas bekommt eine komplette Salzwasserdusche spendiert.



Seit den ersten Minuten steuert unsere Windfahnensteuerung und begeistert uns von Stunde zu Stunde mehr. Nicht nur dass sie rein mechanisch, ohne jeden Aufwand von Energie steuert, sie kann es bei diesen Bedingungen auch viel besser als der elektrische Autopilot. Leise, unermüdlich und immer konzentriert hält sie Auryn auf Kurs. Zum Glück – die ersten anderthalb Tage einer längeren Etappe haben wir erfahrungsgemäß immer auch mit uns selbst zu tun ehe wir uns wieder „eingeschaukelt“ haben….
Bei Sonnenuntergang messen wir noch immer 25 Knoten Wind und binden daher für die Nacht das zweite Reff ins Groß.

Die Nacht verläuft einigermaßen ereignislos, wir sind schnell unterwegs. Faszinierend ist die absolute Finsternis in dieser mondlosen Nacht auf dem Atlantik. Uns umgibt eine pechschwarze Dunkelheit. Einzig im Schein unseres Hecklichtes sehen wir Wellen brechen und Gischt fliegen. Ehrfürchtig schauen wir in den wolkenlosen Himmel: ich habe noch niemals in meinem Leben so viele Sterne gesehen. Über uns spannt sich von einem Horizont bis zum anderen deutlich sichtbar die Milchstraße, unsere Galaxie. Wir fühlen uns sehr klein aber auch sehr geborgen in unserem winzigen Schiff auf dem Ozean. Auch unsere Tochter staunt: Mama, Papa – das sieht ja aus als wäre der Himmel voller Taschenlampen!!
Am Samstag morgen finden wir an Deck einen kleinen Kalmar. Dass Kalmare an Deck von Schiffen landen geschieht meistens weil sie auf der Flucht vor Fressfeinden sind. In der Nacht steigen sie aus der Tiefsee empor um Plankton zu fressen und werden dann ihrerseits zur Beute von Thunfischen oder Haien. Um zu flüchten , pressen sie das Wasser mit enormem Druck aus ihrem Trichter, dadurch können sie mit einer Geschwindigkeit von bis zu 40 km/h aus dem Wasser schießen. Indem sie ihre Fangarme und Flossen wie Flügel ausbreiten legen sie bis zu 30 Meter über der Wasseroberfläche zurück und landen dabei auch versehentlich auf Segelbooten.

Am Sonntag morgen finden wir wieder einen kleinen Kalmar und einen fliegenden Fisch. Wir sammeln sie ein und schauen sie uns gemeinsam ganz genau an bevor wir sie zurück ins Meer werfen, sie stinken schon fürchterlich. Wer weiß was unser Relingsnetz noch alles abgehalten hat an Bord zu kommen. Wir korrigieren den Kurs etwas und baumen die Genua aus. Es weht beständig mit 20 bis 25 Knoten aus nordöstlicher Richtung, mit zunehmender Entfernung vom Festland sind die Wellen aber weniger steil. Die ersten drei Tage der Überfahrt notieren wir Etmale von ca 125 Seemeilen.
Am Sonntag Abend dreht der Wind erwartungsgemäß mehr auf Ost, wir halsen, shiften das Großsegel und baumen die Genua an backbord aus. Alle Gegenstände in Schränken und Schapps die bis jetzt eine einigermaßen klapperfreie Position gefunden hatten fangen nun wieder an zu rücken und sich neu zu sortieren. Es dauert eine ganze Weile bis es wieder etwas ruhiger wird im Schiff.

Überhaupt ist das ein Thema welches uns ständig umtreibt. Wir mögen Auryns wunderschönen Innenausbau aus Holz sehr, aber sobald Bewegung im Schiff ist knarzt es an allen Ecken und Enden. Besonders nachts ist das für diejengen an Bord, die nur einen leichten Schlaf haben ein ständiger Stein des Anstoßes. Thomas rückt den schlimmsten Stellen mit einem Trockenschmiermittel zuleibe, das verschafft zumindest für ein paar Stunden Ruhe. Einmal hängt am Wal-Pal der Rest einer Fischerleine die wir mitnehmen und an Land entsorgen werden.
In der Nacht auf Montag kommt uns ein Frachtschiff ziemlich nah, auch die Nacht zuvor hatten wir schon einen relativ engen Kontakt. Wir haben es uns zur Gewohnheit gemacht die Schiffe anzufunken und nachzufragen ob wir gesehen worden sind. Meistens hören wir: ja man hat uns gesehen und der Kurs sei bereits geändert worden um uns auszuweichen. Wir wünschen uns dann gegenseitig Glück und eine gute Reise, das sind unsere einzigen Kontakte hier draussen.

Am Montag kommt ganz überraschender Besuch an Bord. Wir haben vormittags eben den Gennaker gesetzt nachdem der Wind auf ca 12 Knoten abgeflaut hat, als plötzlich auf der Leeschot ein kleiner Vogel landet, der offenbar kein Seevogel ist. Er ist ganz grün, etwa so faustgroß, hat einen spitzen Schnabel und ähnelt am ehesten einem Grünfink. Wie hat er es nur bis hier raus geschafft? Im Umkreis von hunderten Kilometern ist kein Land. Er heißt fortan Vogi, bald traut er sich auf den Seezaun, dann auf Artax und schließlich findet er einen windgeschützten Platz unter der Klampe. Vom Cockpit aus werfen wir dem kleinen Passagier Körner zu. Bei Sonnenuntergang müssen wir dann aber doch den Gennaker bergen und Vogi flüchtet und fliegt davon über das weite Blau des Atlantiks. Mittlerweile sind die Wellen zwar immer noch hoch aber dafür lang und gleichmäßig. Vielleicht ist das die sanfte Atlantikdünung von der so viele Blauwassersegler berichten und die wir bisher vergeblich gesucht haben?? Leider weht der Wind nur noch mit um die 10 Knoten, das ist für Auryn schon fast zu wenig.


Die folgende Nacht ist bewölkt, aber trotzdem wunderschön. Ich sehe endlich worauf ich mich schon so lange gefreut habe: Meeresleuchten. Winzige Meerestierchen mit der Fähigkeit zur Biolumineszens (Leuchtalgen oder Dinoflagellaten) verursachen das Schauspiel, welches meist in schwül-warmen Sommernächten auftritt. Wenn Wellen brechen oder Fische vorbeischwimmen (oder Segelboote) dann reagieren sie mit einem Lichtblitz. Ich habe es auf vergangenen Reisen in Indonesien schon gesehen (und auch das ein oder andere Mal auf dieser Reise in unserer Bordtoilette, die ja auch mit Meerwasser spült, das ist aber nicht ganz so romantisch) aber diese Nacht ist unglaublich. An Auryns Bug leuchtet es türkis, und rechts und links am Rumpf ziehen sich leuchtende Streifen durchs Wasser. Die brechenden Wellenkämme ringsumher leuchten. Ich schaue und staune. Und als ich das nächste Mal aufschaue dauert es einem Moment bis ich verstehe was los ist. Rund ums Boot erscheinen große Kreise und Spiralen aus leuchtendem türkis im sonst schwarzen Wasser, sie schießen unter dem Boot durch, vor zum Bug und malen plötzlich wieder am Heck Streifen und Kringel in die dunkle See. Dann höre ich es prusten und schnaufen, und ich erkenne die Körper von unzähligen Delfinen die uns begleiten, sie springen und spielen mit dem Schiff und lassen mit jeder Bewegung eine leuchtende Spur hinter sich. Es ist magisch und wunderschön. Bei Sonnenaufgang sind sie immernoch da, kommen nah heran und surfen auf den Wellen.

Es ist Dienstag morgen und mittlerweile segeln wir nur noch mit ausgebaumter Genua, der Wind ist beinahe ganz eingeschlafen und in jeder Welle flappt das Großsegel hin und her. Das ganze Schiff vibriert jedesmal und wir sorgen uns ums Rigg, daher haben wir das Großsegel geborgen. Wir sehen vermehrt Seevögel, wir scheinen uns also langsam unserem Ziel zu nähern. Das untrüglichste Zeichen das Land in der Nähe ist, ist jedoch der der erste zaghafte Internetempfang.

Am 15. September um 13:12 Uhr sehen wir Land. Wir sind ganz begeistert und gerührt. Die letzten paar Meilen motoren wir, der Meeresboden steigt von vielen Tausend auf wenige Meter Wassertiefe an und die Wellen sind hoch, der Wind ist völlig eingeschlafen.

Wir funken Porto Santo Marina an und bekommen den letzten freien Platz in Hafen. Auch der Ankerplatz vor dem Hafen und der Vorhafen innerhalb der beiden Molen ist schon von vielen ankernden Yachten bevölkert.
Für die Strecke von Oeiras bis Porto Santo haben wir viereinhalb Tage gebraucht. Wir sind stolz und glücklich die Überfahrt so gut gemeistert zu haben. Jetzt freuen wir uns darauf diese Insel zu erkunden, die schon von See aus so verheißungsvoll aussieht.

