Am späten Vormittag des 28. Semptember fragen wir über Funk in der Marina Funchal an, ob wir für ein oder zwei Stunden hinein kommen dürfen, wir wollen noch ein paar Vorbereitungen für die Überfahrt zu den Kanaren treffen. Das sei überhaupt kein Problem, wir sollen uns melden wenn wir in der Hafeneinfahrt stehen.
Wir möchten den Wassertank auffüllen. Das Ankerlicht muss dringend repariert werden. Da wir dazu Werkzeug mit nach oben nehmen müssen und die Mastspitze am Ankerplatz doch stark hin und her pendelt, haben wir die finale Reparatur noch vor uns her geschoben. Ausserdem soll für die vor uns liegenden 280 Seemeilen die Ankerkette wieder im Schiffsbauch verschwinden.
Als wir die Einfahrt passieren steht ein freundlicher Marineiro am Steg und hilft beim anlegen. Wir fragen ob wir Wasser fassen dürfen. Selbstverständlich, wir dürfen auch Strom nutzen, kein Problem. Wenn wir den Steg verlassen möchten sollen wir ihn anrufen wenn wir wieder hinein wollen, dann öffnet er uns die gesicherte Tür. Wenn wir ablegen, sollen wir uns melden.
Ich krame eilig unseren Elektroherd hervor, den wir bei Landstromzugang benutzen um unseren Gasvorat zu schonen. Während Thomas sich in der Mastspitze um unser Ankerlicht bemüht, koche ich einen großen Topf voll Minestrone. Schon auf den letzten langen Schlägen hatten wir für die ersten ein oder zwei Tage vorgekocht, das hat sich bewährt. Bei viel Seegang in Kombination mit anfänglichem Unwohlsein ist Essen zubereiten herausfordernd.
In der zwischenzeit sprudelt das Wasser aus dem Schlauch in den Tank. Thomas eilt noch einmal zum nahe gelegenen Pingo Doce um die letzten Dinge einzukaufen, dann sind wir soweit. Wir funken die Marina an, wir sollen warten, in zwei Minuten ist jemand für uns da. Überraschenderweise müssen wir nichts bezahlen – angesichts der Tatsache dass das anlegen mit dem Dinghy in der Marina Geld kostet, hatten wir das eigentlich erwartet. Danilo hilft uns wieder sehr nett mit den Leinen und wünscht uns eine gute Reise. Dann sind wir unterwegs.
Wir setzen Genua und Goßsegel und segeln bei 10 bis 15 Knoten Wind aus Südwest los. Wir haben kaum Welle und kommen deshalb auch sehr gut voran. Madeira verschwindet.



Ziemlich bald setzen wir dann den Gennaker und segeln mit ihm auch in die Nacht. Bei höheren Wellen haben wir das bisher immer vermieden da wir zum bergen aufs Vorschiff müssen, aber die Bedingungen sind so gut das wir es wagen. Vor uns sehen wir das weiße Segel von Rara Avis. Mit 5 bis 6 Knoten SOG zieht Auryn durch die Dunkelheit. Später geht der Mond auf, er ist fast voll und taucht das endlose Meer um uns herum in ein fahles Licht. Unsere Windfahne steuert stoisch und unermüdlich. Später in der Nacht dreht der Wind und um den Kurs halten zu können wechseln wir vom Gennaker zurück auf die Genua.

Am Morgen sichten wir an backbord ein anderes Segelboot. Es ist etwas schneller als wir. Den ganzen Tag lang sehen wir es an uns vorbeiziehen. Am späten Vormittag besuchen uns Delfine, es ist jedesmal so schön sie in der Nähe zu haben. Irma ist begeistert und bejubelt jeden Sprung der schönen Tiere. Ich hole die Bestimmungsbücher heraus, es sind Zügeldelfine. Schon bald ziehen sie weiter, wir sind ihnen wohl zu langsam. Am Abend dreht der Wind wieder mehr auf West, nimmt aber leider auch immer weiter ab. Wir setzen den Gennaker wieder.


Die zweite Nacht bricht an. Ich weiß nicht warum das so ist aber Begenungen mit Frachtschiffen, die schnell und damit potenziell gefährlich für uns sind finden fast ausschließlich nachts statt. Mehrmals funken wir die großen Pötte an, fragen nach ob wir gesehen worden sind und stimmen unsere Kurse ab um uns nicht zu nahe zu kommen. Um 3 Uhr in unserer zweiten Nacht auf See ist der Wind nahezu eingeschlafen. Wir bergen das große Leichtwindsegel. Luigi muss helfen. Die Flaute war genauso vorhergesagt, wir wollen sie aber nicht aussitzen. Sie leitet eine Winddrehung ein. Morgen soll es aus nordost wehen, und zwar gleich kräftig, 20 bis 25 Knoten und 3 Meter Welle sind angekündigt. Die aktuellste Wettervorhersage, die wir über unser Garmin InReach eingeholt haben spricht sogar von Gewittern. Wir motoren also weiter. Irritiert sind wir allerding das wir unter Maschine so wenig Fahrt machen. Hoffentlich haben wir nichts an der Schraube hängen. Mit unserer Kamera schauen wir von der Badeleiter aus unters Schiff.

Es hängt nichts dran, aber es sieht so aus als ob sich schon einiger Bewuchs an der Schraube angesetzt hat. Am nächsten Ankerplatz müssen wir Auryn dringend davon befreien. Der Motor läuft 15 Stunden, das Wasser ist glatt wie Öl und schwappt träge an die Bordwand. Einzelne Wölkchen spiegeln sich im endlosen Blau. Ich habe noch nie so blaues Wasser gesehen.


Am Abend kommt der Wind zurück und um 18 Uhr können wir endlich wieder Segel setzen. Von Nordwest dreht er langsam über Nord auf Nordost und nimmt dabei stetig zu. Erst setzen wir Butterfly, später nehmen wir die Genua auch nach backbord. Schließlich reffen wir sogar das Groß und bereiten uns für die Nacht vor. Nun erreichen uns auch die angekündigten Wellen.

Kurz nach Mitternacht in unserer dritten Nacht auf dem Ozean sichten wir die Lichter von Lanzarote. Wolkenfetzen stürmen über den Himmel, der Mond scheint hell. Im Schutz der kleinen Insel La Graciosa schaffen wir die Ankerkette wieder in den Ankerkasten, schäkeln den Anker an und tasten uns vorsichtig in das Ankerfeld hinein. Ich zähle die Lichter – mindestens 25 Boote liegen in der kleinen Bucht vor Playa Francesca. Wir manövrieren vorsichtig an einen freien Platz zwischen den anderen Ankerliegern, an steuerbord erkennen wir im Scheinwerferlicht Rara Avis, die kurz vor Mitternacht angekommen ist.. Als wir die perfekte Position erreicht haben gebe ich das Kommando, und der Anker fällt – nicht. Beziehungsweise nur ein Stück. Ein Kettenglied hat sich in der Durchführung zum Ankerkasten verkeilt und blockiert nun die gesamte Kette und den Anker. Es geht nicht vor und nicht zurück. Es ist stockfinster und wir sind mitten im Ankerfeld, der Anker selbst baumelt ein paar Meter unterm Boot. Natürlich weht der Wind mit 20 Knoten und eine kurze, unangenehme Welle hat sich in der Bucht aufgebaut. Ich steuere vorsichtig zurück in freies Wasser. Thomas kippt den halben Werkzeugschrank aus und bekommt nur mit schwerem Gerät und unter Gewaltanwendung – sowie unter zahlreichen Flüchen, die ich hier nicht wiedergeben möchte – das Ankergeschirr wieder klar.
Neuer Versuch. Hatte ich vergessen zu erwähnen, dass das Lot mal wieder streikt? Anhand der Seekarte mutmaßen wir eine Wassertiefe von um die 15 Meter. Näher trauen wir uns im Dunkeln nicht in die Bucht, es wäre eh kein Platz im flacheren Wasser frei. Am alten Platz angekommen rasselt die Kette sauber ins dunkle Wasser. 20 Meter sind draussen, dann 30. Wir lassen das Schiff sich in den Wind ausrichten, aber beim anschließenden Versuch den Anker vorsichtig einzufahren, rutscht er und wir treiben weg. Also alles wieder auf Anfang. Die Laune verschlechtert sich, der Ton an Bord wird rauher. Wahrscheinlich waren 30 Meter zu wenig, aber es ist wirklich eng, die anderen Yachten liegen sehr nah.
Im dritten Versuch klappt es dann. 40 Meter Kette rauschen aus, wir fahren dan Anker ein und stecken nochmal 10 Meter. Das Großsegel tuchen wir noch einigermaßen auf, dann gibt’s für jeden ein Glas Weißwein – es ist mittlerweile 7 Uhr und dämmert – und dann fallen wir erschöpft in die Koje. Wir sind auf den kanarischen Inseln angekommen.

