Madeira – Insel des ewigen Frühlings

Die 28 Seemeilen kurze Überfahrt nach Madeira verläuft ziemlich ereignislos. Die Wellen sind recht hoch, der Wind bläst uns mit 15 Knoten aufs Heck, wir setzen Butterfly und genießen die kurze Etappe.

Am späten Nachmittag erreichen wir den Ankerplatz Enseada da Abra. Am östlichen Ende der Insel gelegen gleicht die Bucht einem richtigen Felskessel. An drei Seiten ragen die Felsen steil aus dem Ozean empor, und sie sehen wunderschön aus: rot und gelb gebändert leuchten sie in der Abendsonne. Die Felsformationen lassen die Urgewalten erahnen, die hier einst gewirkt haben. Es ist, als ankern wir in einem Vulkankrater. Es gibt auch einen Strand der von großen schwarzen Kieseln bedeckt ist, aber das anlanden scheint schwierig zu sein. Artax bleibt also vorerst an Bord. Am Abend wollen wir das Ankerlicht anschalten, aber nix tut sich im Masttop. Ich streife mir also den Klettergurt über und steige hinauf. Ich klopfe zweimal an das kleine Lämpchen, dann leuchtet es. Scheint ein Wackelkontakt zu sein.

Am nächsten morgen motoren wir um die Ecke zum Ankerplatz vor der Marina Quinto do Lorde. Als der Anker eben eingefahren ist und wir uns umschauen erreicht eine riesige Flotte von Ausflugsbooten mit hunderten Menschen an Bord die Bucht, es gibt Musik und sogar ein Feuerwerk von einem der Schiffe.

Wir rudern in den Hafen, lassen das Beiboot am Dinghydock und vertreten uns die Beine. Leider ist es hier nicht besonders schön, es gibt keinen Ort sondern nur einen riesigen Hotelkomplex, der sich in der Umgebung der Marina an die Hügel schmiegt. Am Abend streikt das Ankerlicht – ich steige hoch und rüttle daran, dann geht es. Nach nur einer Nacht ziehen wir weiter, wir segeln 12 Seemeilen bis nach Funchal, der Hauptstadt Madeiras. Schon vor ein paar Tagen hatten wir in der Marina angefragt und erfahren, das sie komplett ausgebucht ist. Wir sortieren uns also in das bereits gut besuchte Ankerfeld ein.

Wir freuen uns darauf die Insel zu erkunden, die ein echtes Wanderparadies ist. Die höchsten Berge erheben sich fast bis auf zweitausend Meter Höhe. Das Inselinnere ist geprägt von tiefen, schroffen Schluchten; steilen, markanten Gipfeln und tropischer Vegetation. Daher wollen wir für ein paar Tage ein Auto mieten.

Am nächsten morgen fahren wir mit Artax zum nahegelegenen Strand. Auf dem Weg statten wir unseren Nachbarn einen Besuch ab, Martin und Theresa aus Hamburg mit ihrer Rara Avis. Sie sind von Marseille kommend hierher gesegelt. Hier erfahren wir Überraschendes: Seit diesem Jahr muss für die meisten – beziehungsweise die landschaftlich schönsten – Wanderungen auf Madeira eine Gebühr entrichtet werden. Das ist aber noch nicht alles: man muss ausserdem ein Zeitfenster buchen, in dem man die Wanderung zu absolvieren gedenkt…

Wir kommen überraschend gut an Land und tragen das Boot ein Stück weit hinauf, damit es nicht von Flut und Wellen davongetragen wird. Funchal ist eine quirlige und chaotische Stadt.

Wir bummeln durch die nahe gelegene Altstadt. Wir statten der Markthalle Mercado dos Lavradores einen Besuch ab. Von fangfrischem Fisch über Obst und Gemüse bis hin zu toller lokaler Handwerkskunst gibt es Alles.

Wir holen uns ein kleines Mittagessen und schlendern weiter zur Kathedrale. Sie wurde Anfang des 16. Jahrhunderts geweiht und war seinerzeit die größte Diözese der Welt. Besonders schön sind die typischen Azulejos, die auch das Innere des Bauwerkes schmücken.

Ich bin im Haustürenhimmel. Praktisch jede Tür ist toll bemalt, es sind richtige Kunstwerke darunter.

Wir laufen weiter zum Jardim Municipal do Funchal, dem Stadtpark, der gegenüber des Theaters liegt. Die Pflanzenvielfalt dieses kleinen Parks im Stile eines botanischen Gartens ist beeindruckend.

Vorbei an der Marina gehts es weiter, wir besuchen den Parque de Santa Catarina. Von dort aus haben wir einen tollen Ausblick über den Hafen und die Bucht von Funchal.

Am Abend erfrischen wir uns unter unserer tollen Heckdusche. Als wir das Ankerlicht anschalten wollen, passiert nichts. Es bleibt also nichts anderes übrig, als wieder mal in den Mast zu steigen und der kleinen Leuchte gut zuzureden.

Später am Abend legen wir dann auf der Website Simplifica.madeira jeder einen Account an, um die Wanderungen zu buchen, die wir gern machen würden, nur um festzustellen das nahezu alle Wanderwege auf Tage, manche sogar auf mehrere Wochen hin ausgebucht sind. Es ist absolut verständlich das hier auf der Insel versucht wird die erheblichen Touristenströme irgendwie zu lenken, aber es ist enttäuschend das damit Individualreisenden jede Spontanität genommen wird. Da wir nun einmal von Wind und Wetter abhängig sind ist es für uns Segler schlicht nicht möglich mehrere Wochen im Vorraus zu planen und Wanderungen zu buchen.

Am nächsten Tag machen wir uns trotzdem auf die Suche nach einem Mietwagen, um die Insel zu erkunden. Ein Fahrrad ist hier keine Option, es geht entweder steil bergan oder steil bergab. Es fahren zwar Busse, aber selbst das allwissende Internet gibt nur vage Auskunft über die Fahrpläne. Busfahren auf Madeira sei eine Herausforderung, die Fahrpläne schwer zu deuten. Nur anderthalb Tage später ergattern wir tatsächlich ein kleines Auto, da auch hier alles nahezu ausgebucht ist. Ein kleiner Kia Picanto wird für die nächsten zwei Tage unser Vehikel sein. In der Zwischenzeit ist es tatsächlich gelungen, zwei Wanderungen zu buchen, die auch kindgerecht und damit für unsere Tochter gut zu bewältigen sind.

In der Marina legen wir mit Artax am Dinghydock an und sprechen bei Guardia National vor. Wir möchten die Genehmigung einholen, die Ilhas Selvagem anzulaufen, die auf halbem Wege zwischen Madeira und den Kanaren liegen. Die Offiziellen lachen herzlich als wir unser Anliegen vortragen, das würde sowieso niemals kontrolliert. Wir erklären das wir totzdem gerne die Authorisierung hätten, die Inseln zu besuchen (und fühlen uns typisch deutsch dabei) und der diensthabende Beamte erklärt uns gutmütig, wo und wie wir das Formular im Internet ausfüllen können. Später lesen wir leider, das der Steg, über den man per Dinghy an Land gehen kann im letzten Starkwind schwer beschädigt wurde und nicht benutzbar ist.

Am Tag darauf holen wir morgens unser Auto ab. Artax lassen wir tagsüber in der Marina. Wir fahren über abenteuerliche, steile Bergstraßen in endlosen Serpentinen ins kleine Dorf Ribeiro Frio. Es liegt malerisch an den Hängen eines tiefen, grünen Tales in der zentralen Gebirgskette der Insel. Hier beginnt die Wanderung Levada dos Balcoes.

Levadas sind mehr als nur Wanderwege. Sie sind ein Netz aus zum großen Teil künstlich angelegten Wasserwegen, die ursprünglich errichtet wurden um Wasser aus dem feuchten Norden in den trockeneren Süden der Insel zu leiten. Zunächst wurden sie zur Bewässerung genutzt, später auch zur Wasserkraftgewinnung. Sie haben die Wirtschaft, die Landschaft und den Alltag der Insel über Jahrhunderte geprägt und spielen auch heute noch eine wichtige Rolle.

Eine Levada ist ein sanft abschüssiger Kanal, meistens mit einem schmalen Fussweg daneben, der zur Instandhaltung der Kanäle gebraucht wurde. Dank dieser Fusswege sind die Lavadas zu den weltberühmten Wanderwegen geworden, die sie heute sind. Sie sind ein bemerkenswertes Stück lebendigen Kulturerbes Madeiras.

Wir wandern dem Wasser folgend durch einen saftig grünen Wald bis zu einem Aussichtspunkt, der einen fantastischen Blick auf das Gebirge bietet. Zwischen den Gipfeln leuchtet am Horizont blau der atlantische Ozean. In den Levadas selbst gibt es auch viel zu entdecken – kleine Fische, Insektenlarven, Vögel tummeln sich am Wasser. Wir lassen Blätter und Stöckchen schwimmen.

Im Anschluss fahren wir weiter an die wilde Nordküste der Insel. Wir besuchen die Ruinen von Sao Jorge. Zu Beginn der Besiedelung wurden hier die ersten Zuckerrohrmühlen errichtet. Der Zuckerrohranbau auf Madeira geht auf das 15. Jahrhundert zurück und erlangte schnell große wirtschaftliche Bedeutung. Die Insel wurde zu einem wichtigen Zuckerlieferanten für Europa.

In Porto da Cruz wandern wir an den Klippen entlang und besuchen die kleine, aber sehr interessante Egenhos do Norte, eine Brennerei in der Zuckerrohr zu Rum verarbeitet wird. Das angegliederte Museum gibt spannende Einblicke in den Herstellungsprozess. Verkosten können wir den Rum leider nicht, wir müssen ja noch fahren…

Durch viele, viele Straßentunnel geht es am Abend zurück nach Funchal. Nach einer Stunde verzweifelten Suchens müssen wir einsehen, das es unmöglich ist in einigermaßen fußläufiger Entfernung zum Ankerplatz einen Parkplatz zu finden. Zähneknirschend stellen wir das Auto schließlich in einem Parkhaus ab und zahlen dafür den Tagessatz.

Am Abend – Überraschung! – streikt das Ankerlicht. Ich steige hoch, unter beifälligen Blicken des halben Ankerfeldes. Wir sind mittlerweile bekannt als diejenigen, die ihr Ankerlicht Abend für Abend direkt oben im Mast anschalten. Die Maststufen haben sich auf alle Fälle schon sehr bezahlt gemacht.

Am nächsten Tag fahren wir in den westlichen Teil der Insel, auf das Hochplateau Paul da Serra. Es ist eine rund 100 Quadratkilometer große Hochmoorlandschaft die etwa 1500 Meter über dem Meeresspiegel liegt. Oft gibt es hier starken Wind und Nebel. Die Straße hier hinauf ist wohl die steilste die wir jemals gefahren sind, an manchen Stellen haben wir das Gefühl das sich unser kleines Auto gleich nach rückwärts überschlägt und wieder hinunter rollt.

Hier oben machen wir die wirklich wunderschöne Wanderung Levada do Alcerim. Sie ist etwa 8 Kilometer lang und unser Mädchen wandert den Großteil der Strecke selbst. Durch einen urigen Wacholderwald folgen wir der Levada auf dem schmalen Pfad und werden mit wunderbaren Aussichten und einem tollen Wasserfall am Ende des Weges belohnt.

Hier oben auf dem Hochplateau befindet sich auch der Feenwald Fanal. Der hundertjährige Lorbeerwald wurde 1999 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt und ist einer der heiligsten und am besten geschützten Naturschätze Madeiras. Einige Exemplare des Madeira-Lorbeers (Ocotea foetens) stammen wohl noch aus der Zeit vor der Entdeckung der Insel. Es ist ein echter Nebelwald, die knorrigen Stämme der alten Bäume sind von Farnen, Moosen und Flechten bewachsen.

Auf dem Rückweg machen wir noch einen Stopp in Ribeira de Janela und bestaunen die gewaltige Felsformation der vorgelagerten Ilheus da Ribeira da Janela. Über 40 Meter ragt die beeindruckend Felsnadel aus der Brandung auf.

Am Abend geben wir unser Auto wieder ab, die ganze Abwicklung war erfreulich unkompliziert und hat uns tolle Erlebnisse auf der Blumeninsel beschert. Und die Sensation des Tages: unser Ankerlicht lässt sich problemlos von unten aktivieren.

Die nächsten beiden Tage verbringen wir mit Bootsgetüdel, wir tragen unsere Wäsche zu einem Waschsalon in der Stadt, kaufen ein und schauen wieder vermehrt in die Wetterprognosen. So langsam schielen wir nach einem Zeitfenster für die Überfahrt zu den Kanaren. Für einen Abend laden wir Martin und Theresa an Bord ein, und während der ganzen Tage verfolgen wir die Überfahrt der Odde mit Alex und Charlotte an Bord. Sie sind auf dem Weg von Oeiras nach Porto Santo. Dank Garmin InReach stehen wir in regem Austausch. Die Nachricht über eine verstopfte Bordtoilette ist für uns der Anlass, unsere Eigene mal wieder einer gründlichen Wartung zu unterziehen. Und natürlich steigen wir auch mal wieder in den Mast…

Comments

  1. Andreas Heinz says:

    Ahoi ihr drei Segler,

    das Bild mit den Ausflugsschiffen im Hintergrund und der Blick von Thomas, da musste ich erstmal herzlich lachen… sensationell. Auch über den häufigen Gebrauch der Maststufen, Respekt! Wieder super Fotos nebst toller Berichte, eine große Freude Euch zu folgen. Handbreit Andreas

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